Sind Migräne-Betroffene COVID-19-Risiko-Patient*innen?

Eine neue Studie hat untersucht welche Mehrfachdiagnosen Migräne-Betroffene zu Risiko-Patient*innen für eine COVID-19-Erkrankung machen.
Miriam Jansen
Miriam Jansen
Miriam bloggt für M-sense. Sie musste wegen chronischer Migräne ihren Beruf als interkulturelle Beraterin & Trainerin aufgeben - und wurde in dieser Zeit zur Migräne-Expertin. Nun macht sie einen beruflichen Wiedereinstieg und gibt ihr Wissen im M-sense-Blog weiter.
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Die Corona-Pandemie hält die Welt weiterhin in Atem und ein Großteil der Bevölkerung ist von den Einschränkungen, die die Pandemie mit sich bringen, betroffen. Corona bestimmt aktuell unser Leben. Dabei sollten wir trotzdem versuchen, positiv zu bleiben. Denn Stress durch Sorgen, veränderte Routinen, Homeoffice und Homeschooling können zu vermehrten Migräne-Attacken oder stressbedingten Spannungskopfschmerzen führen. Unsicherheiten und Ängste sind nicht gerade förderlich für Migräne-Betroffene.

Aufgrund der Corona-Krise erreichen viele Kopfschmerz-Patient*innen ihre Ärzt*innen nicht wie gewohnt und fühlen sich im Stich gelassen. Auch das Gegenteil ist der Fall: Migräne-Betroffene trauen sich nicht zum Arzt zu gehen – aufgrund erhöhter Infektionsgefahr. 

Hoffnung auf ein baldiges Ende bringen die Impfungen mit sich, die Ende Dezember gestartet sind. Aufgrund des aktuellen Impfstoffmangels und der Tatsache, dass für den kompletten Schutz jeder zweimal geimpft werden muss, wird nach einer bestimmten Reihenfolge geimpft: Der Schwerpunkt liegt zunächst auf den Alten- und Pflegeeinrichtungen und folgt dann einer strikten Reihenfolge, wobei auch Risiko-Patient*innen berücksichtigt werden1.

Doch wer ist eigentlich Risiko-Patient*in und wer nicht?

Eins schonmal vorweg: Migräne an sich ist kein Risikofaktor für COVID-19-Infektionen! Und auch die Akut- und Prophylaxe-Medikamente schwächen das Immunsystem nicht, und stellen somit keine Gefahr für Migräne-Betroffene dar. Migräniker*innen, die ausschließlich unter Migräne leiden, sind somit keine Risikopatient*innen. 

Im Oktober 2020 wurde jedoch ein Artikel in der Fachzeitschrift „Headache – The Journal of Face and Head pain“ publiziert, der die Rolle von sogenannten Komorbiditäten (Doppel- oder Mehrfachdiagnosen) von Migräniker*innen untersuchte. Bolay et al.3 stellten die Frage, durch welche Mehrfachdiagnosen Migräne-Betroffene zu Risiko-Patient*innen für COVID-19 werden könnten.

Was sind überhaupt Komorbiditäten?

Komorbiditäten bezeichnen eine oder mehrere diagnostisch abgrenzbare Krankheitsbilder, die zusätzlich zu einer Grunderkrankung (hier: Migräne) vorliegen2

Eine Besonderheit der COVID-19-Pandemie ist, dass die Atemwegsinfektionen überproportional Patient*innen mit Bluthochdruck, Diabetes und anderen kardiovaskulären Diagnosen betreffen.

Migräne ist eine komplexe neurovaskuläre-entzündliche Störung, die ebenfalls häufig mit bestimmten Erkrankungen wie Gefäßerkrankungen, Bluthochdruck, allergischen Erkrankungen wie Asthma und systemischen Entzündungserkrankungen einhergeht. 

Dementsprechend stellten sich die Wissenschaftler*innen zwei Fragen:

  1. Erhöhen Doppel- oder Mehrfachdiagnosen wie kardiovaskuläre Erkrankungen und Bluthochdruck das Risiko einer symptomatischen COVID-19-Erkrankung bei Migränepatient*innen?
  2. Wirken komorbide allergische und atopische Erkrankungen, einschließlich Asthma, neben dem weiblichen Geschlecht als entgegengesetzte Einflussfaktoren?
Was ist der Unterschied zwischen Atopie und Allergie?

Unter Atopie versteht man eine erbliche Veranlagung, bei Kontakt mit allergieauslösenden Stoffen eine übersteigerte Abwehrreaktion und eine oder mehrere Erkrankungen des atopischen Formenkreises zu entwickeln. Atopie ist eine Allergie vom Typ 1. Sie ist keine Krankheit an sich, sondern sie begünstigt das Auftreten von allergischen Erkrankungen an unterschiedlichen Organen:

  • an der Haut als atopisches Ekzem (Neurodermitis)
  • an den Lungen als allergisches Asthma
  • an der Nasenschleimhaut als allergischer Schnupfen (Rhinitis)
  • an den Arugen als allergische Bindehautentzündung (Konjunktivitis)
  • am Verdauungstrakt als Nahrungsmittelallergie

Ein Allergiker leidet unter einer Allergie vom Typ 2 und reagiert hingegen überempfindlich auf bestimmte Allergene ohne dass die Genetik eine Rolle spielt. Insekten- und Medikamentenallergien sind meist nicht vererbbar und deswegen auch nicht atopisch. Jemand, der atopisch ist, hat jedoch ein bedeutend höheres Allergierisiko.4

Das Ergebnis dieser Arbeit besagt, dass Migräne-Betroffene, die zusätzlich eine Gefäßerkrankung oder eine entzündliche Erkrankung vorweisen, einem erhöhtem Risiko für COVID-19 ausgesetzt sind – insbesondere im Zusammenhang mit fortschreitendem Alter.

Ist eine Person jedoch zudem weiblich und Typ-2-Allergiker könnte sich dies entgegengesetzt auswirken und das erhöhte Risiko für COVID-19 ausgleichen.

Zudem haben erste Auswertungen schwerer Krankheitsverläufe in China gezeigt, dass folgende Komorbiditäten bei Migräniker*innen besonders ungünstig sind:

  • Zerebrovaskuläre Erkrankungen (Durchblutungsstörungen des Gehirns)
  • Koronare Herzkrankheit (Durchblutungsstörungen des Herzens)
  • Diabetes mellitus besonders bei gleichzeitiger Einnahme von ACE-Hemmern (wie Ramipril) oder AT2-Blockern (wie Candesartan)
  • Bluthochdruck – insbesondere bei Behandlung mit ACE-Hemmern wie Ramipril oder AT2-Blockern wie Candesartan5

Es werden in den Folgemonaten sicherlich weitere klinische Forschungen mit dem Fokus auf Migräne- und COVID-19-Patient*innen folgen, um weitere Fragen zu klären.

Was sollte ich tun, wenn ich zu den Risiko-Patient*innen gehöre?

Achte besonders stark auf deine Gesundheit und führe regelmäßig entsprechende Prophylaxe-Maßnahmen durch. 

Schütze dich weiterhin mit den bekannten Maßnahmen vor einer COVID-19-Infektion und tu dies vielleicht noch etwas genauer als du es bisher getan hast.

Wenn du dich frühzeitig impfen lassen möchtest, verfolge die Medien bezüglich der Impfreihenfolge. Auch hier kannst du dir bereits anzeigen lassen, wann du voraussichtlich mit einem Impftermin rechnen kannst. Die hier erwähnten Diagnosen sind dort teilweise schon mit angegeben. 

Wir von M-sense werden dich natürlich auch weiterhin über Neuigkeiten informieren.

Quellen
  1. Bundesgesundheitsministerium (2020): „Fragen und Antworten zur Covid-19-Impfung“ In: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/coronavirus/faq-covid-19-impfung.html#c19743 (letzter Zugriff: 06.01.2021)
  2. Kaspar, U. (2013): Was bedeutet der Begriff der Komorbidität im Zusammenhang mit der Migräne? In: https://www.headache.ch/Komorbiditaet_Und_Migraene (letzter Zugriff: 06.01.2021)
  3. Bolay, H. et al. (2020): „Are migraine patients at increased risk for symptomatic Coronavirus disease 2019 due to shared comorbidities?“ In: Headache. Journal of Head and Face Pain. 60/10. S. 2508-21.
  4. Allergieinformationsdienst (2018): „Genetische Veranlagung und Atopie.“ In: https://www.allergieinformationsdienst.de/immunsystem-allergie/risikofaktoren/genetische-veranlagung-und-atopie.html (letzter Zugriff: 13.01.2021)
  5. Migräne-Liga (2020): “Gefährdung bei chronischer Migräne und Corona?” In: https://www.migraeneliga.de/gefaehrdung-bei-chronischer-migraene-und-corona/ (letzter Zugriff: 13.01.2021)
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