Warum ich als Angehörige den Migräne-Alltag mit meinem Mann gemeinsam lebe

Wie kommt man dazu, Migräne zu Begleiten? Svenja geht mit ihrem Mann durch dick und dünn - und teilt den gemeinsamen Migräne-Alltag auch auf Instagram.
Svenja
Svenja
Svenja ist waschechte Ostfriesin, die es ins Münsterland verschlagen hat. Als Content Managerin schreibt und kreiert sie liebend gern, um auszudrücken, was ihr auf dem Herzen liegt. Seit 2020 setzt sie ihr Talent dafür ein, über Migräne aufzuklären und Erfahrungen aus ihrem Leben als Migräne-Angehörige zu teilen.
Nachtmodus

Pünktlich um sechs Uhr klingelt der Wecker. Jeden Morgen. Immer um sechs. So beginnt unser Migräne-Alltag.

Einer schlurft ins Bad, einer in die Küche. Denn Frühstück ist wichtig. Nicht irgendein Frühstück. Kein Apfel zwischen Tür und Angel. Oder ein Kaffee, der einfach so viel Milch intus hat, dass er einen über die ersten Stunden des Tages trägt. Nein, ein richtiges Frühstück. Haferflocken, Pflanzenmilch, etwas Nüsse, Weizenkleie, Apfel, Leinsamen. Zimt! Gerne viel Zimt. Vollwertig soll es sein, möglichst lange anhalten. Ungefähr zwischen 9 und 10 folgt dann eine Zwischenmahlzeit, bevor es um zwölf Mittagessen gibt. Nachmittags ein Snack, 18 Uhr Abendessen, Spätmahlzeit vor dem Schlafengehen. Jeden Tag. Egal, ob Zuhause, bei der Arbeit, im Urlaub. Überall.

Das Essen ist eine feste Säule, vielleicht die wichtigste, in unserem gemeinsamen Migräne-Alltag.

Hinzu kommen feste Schlafens- und Aufstehzeiten, regelmäßiger Ausdauersport, viel frische Luft und Entspannungstechniken. Ohne meinen Mann, bzw. ohne seine Migräne, wäre mein Leben wahrscheinlich nicht im Ansatz so strukturiert und regelmäßig, wie es jetzt ist. Denn, nein: Ich bin nicht an Migräne erkrankt. Mein Mann ist es. Und ich habe mich entschieden, mein Leben mit ihm gemeinsam zu verbringen. Und da die Migräne zu ihm gehört, nehmen wir auch auf sie Rücksicht und vereinen unseren Alltag so gut es geht mit ihren Bedürfnissen.

Diese Verhaltensanpassungen, so kann man die Besonderheiten in unserem Alltag nennen, sind wichtiger Bestandteil der Migräne-Therapie meines Mannes. Sie helfen ihm sehr dabei, besser mit seiner Erkrankung zu leben. Außenstehende könnten mich nun fragen: Warum tust du dir das an? Du bist doch ein eigenständiger Mensch, warum lebst du seine Verhaltensanpassungen mit? Die Antworten darauf fallen mir heute sehr leicht.

Die Migräne zu begleiten war meine freie Entscheidung

Im Gegensatz zu meinem Mann, genieße ich das große Privileg, all diese Maßnahmen freiwillig mit ihm zu leben. Ich hätte jederzeit gehen können, hätte der Migräne den Rücken kehren können. Aber das habe ich nicht. Dabei habe ich mich nicht bewusst für die Migräne entschieden, oder dafür, Fürsorge zu leisten. Nein. Ich habe mich für meinen Mann entschieden. Für einen Menschen, den ich liebe. Und ja, die Migräne gehört zu ihm, das ändert daran einfach nichts.

Es ist eine Möglichkeit, meinen Mann aktiv zu unterstützen

Ich glaube, jede und jeder Angehörige teilt mein furchtbares Gefühl der Hilflosigkeit. Ein geliebter Mensch leidet und es gibt einfach so wenig, das man tun kann. Es ist entscheidend, mit dieser Situation leben zu lernen. Denn ich kann meinen Mann nicht von der Migräne befreien. Im Gegenteil, oft hilft es ihm im Akutfall am ehesten, wenn ich ihn ganz in Ruhe lasse. So schwer das auch ist.

Und dennoch kann ich etwas tun, indem ich einen gemeinsamen Migräne-Alltag mit ihm lebe. Ich unterstütze ihn schon allein dadurch, dass wir zu zweit sind. Ich kann ihm etwas von seinem “Mental Load” abnehmen – also von der Belastung, die dadurch entsteht, Alltagsaufgaben zu organisieren. Denn all die Regelmäßigkeit, all die Vorbeugung, die er leben muss, erfordern Vorbereitung und Organisation. Zeit und Energie also, die einem Menschen mit Migräne durch die Erkrankung ohnehin schon erheblich weniger zur Verfügung stehen.

Ich lebe nicht nur mit ihm, ich denke und plane auch mit. Ich habe die Uhr im Blick, den Kühlschrank, den Terminkalender. Ich kann meinem Mann seine Migräne nicht nehmen. Aber einen Teil des Mental Loads schon.

Unser Migräne-Alltag ist unser Normal

Manchmal schaue ich mich im Freundes- und Bekanntenkreis um und bin verblüfft, wie anders uns nahestehende Menschen ihren Alltag gestalten. Ohne Frühstück aus dem Haus zu gehen, die ganze Nacht hindurch mit dem Auto in den Urlaub zu fahren oder etliche Termine an einem Tag zu bewältigen, erscheint mir wie aus einer fremden Welt. Und andersherum ist es sicher ganz ähnlich. Ich kann mir vorstellen, dass andere unsere Lebensgestaltung als einschränkend empfinden, vielleicht sogar langweilig.

Wie gut, dass es ein pauschales “Normal” nicht gibt! Wie gut, dass es genügt, mit dem eigenen Lebenswandel zufrieden zu sein und es egal sein kann, ob andere es ebenso machen würden (solange man niemandem schadet, versteht sich).

Ich muss mir nicht gegenüber dem Rest der Welt normal vorkommen.

Ich möchte mich aber innerhalb meiner eigenen vier Wände “normal”, im Sinne von “akzeptiert”, fühlen. Und das möchte ich auch für meinen Mann. Ich möchte ein harmonisches Miteinander. Also gestalten wir gemeinsam unser eigenes Normal.

Wir haben viel und lange über unsere Bedürfnisse, natürlich insbesondere auch über die, die durch die Migräne entstehen, gesprochen. Haben viel Zeit gehabt, über uns selbst und die Migräne zu lernen, uns aufeinander einzuspielen und alle Wünsche miteinander zu vereinen. Und mittlerweile leben wir unseren Migräne-Alltag mit all den “Besonderheiten”, die für uns so normal geworden sind, dass sie uns oft gar nicht mehr auffallen.

Unser Migräne-Alltag tut auch mir als Angehörige gut

Es ist ja nicht so, dass ich nicht auch ausbrechen könnte. Und das tue ich auch, wenn mir danach ist. Ich habe gelernt, dies ohne schlechtes Gewissen zu tun und mein Mann wäre der letzte, der es mir übel nimmt.

Doch eigentlich tun mir die Verhaltensanpassungen alle sehr gut. Ich bin, seit ich denken kann, sehr sensibel. Nehme Sinnesreize und meinen eigenen Körper intensiv war, bin sehr anfällig für Stress, brauche viel Zeit für mich und habe ausgeprägte Emotionen in jede Richtung. Keine Party ohne Gehörschutz, Einkaufszentren bescheren mit Reizüberflutung. Ich mag viel (wirklich viel!) lieber Natur als Menschenmengen. Ich habe lange Regenerationszeiten und mit Hunger funktioniere ich einfach nicht. Gar nicht.

Und nicht zuletzt ist es auch für mich eine sowohl psychische als auch physische Belastung, dass mein Mann an einer chronischen Krankheit leidet. Sorgen, Fürsorge, Beziehungsarbeit und das alleinige Wuppen des Alltags in Zeiten, in denen er akut durch die Migräne leidet – es hat einige Zeit gebraucht, bis ich mir diese zusätzliche Belastung eingestanden habe. Bis ich mir eingestanden habe, dass diese zusätzliche Belastung eines Ausgleichs bedarf. Schließlich bin ich doch die Gesunde… Doch so groß dieses Privileg der Gesundheit auch ist – ich stehe dadurch in niemandes Schuld. Und auch meine Kraft ist endlich. Auch meine Akkus müssen geladen werden. Sonst kann ich nicht für meinen Mann so da sein, wie ich es möchte.

Vieles von dem, auf das ich scheinbar verzichte, fehlt mir also gar nicht. Und noch mehr: Durch meinen Mann habe ich gelernt, viel besser auf mich zu achten und wie ich mir Gutes tun kann.

Unsere Freizeit ist geprägt von wunderschönen, entschleunigenden Reisen und Erlebnissen in der Natur.

Entspannungsverfahren sind ein fester Bestandteil meines Tages geworden, zu dem wir uns gegenseitig motivieren können. (Und manchmal auch müssen. Wie ist es möglich, keine Lust auf Entspannung zu haben? Ich weiß es nicht. Aber es ist möglich!) Kochen ist eines unser gemeinsamen Hobbies und genießen tun wir beide äußerst gern – eine sehr dankbare Kombination.

Ja, Migräne ist und bleibt eine schwere und herausfordernde Krankheit. Aber ich glaube, es gelingt uns meist ganz gut, ihre Sonderwünsche mit unseren Bedürfnissen zu einem erfüllten Leben zu vereinen.

Wenn du uns ein Stück auf unserem Weg begleiten möchtest, besuche mich doch gerne bei Instagram auf dem Kanal @migraene.begleiten. Hier teile ich Wissen, Gedanken und Erfahrungen rund um unseren Migräne-Alltag!