Migräne und das Alice-im-Wunderland-Syndrom

Alice erlebt im Wunderland verschiedene Wahrnehmungsstärungen: Der eigene Körper wird größer oder kleiner als er sein sollte. Die Zeit vergeht langsamer oder rasant. Auch Migräniker können diese Erfahrung machen. Das nennt sich dann Alice-im-Wunderland-Syndrom und passiert während der Aura-Phase des Anfalls.
Miriam Jansen
Miriam Jansen
Miriam bloggt für M-sense. Sie musste wegen chronischer Migräne ihren Beruf als interkulturelle Beraterin & Trainerin aufgeben - und wurde in dieser Zeit zur Migräne-Expertin. Nun macht sie einen beruflichen Wiedereinstieg und gibt ihr Wissen im M-sense-Blog weiter.
Nachtmodus

Ich liege in meinem Bett und mein ganzer Körper wabert. Mal ist er ganz dick, mal ist er ganz dünn.

Ich sehe das nicht, aber ich fühle es. Alles, was ich angucke, ist genauso bzw. sehe ich sogar Dinge, die nicht da sind, die von dick zu dünn und wieder dick werden. Alles wabert so vor sich hin. Am häufigsten sehe ich Formen vor mir an der Decke. Mal ist es ein rundliches Etwas, mal baumähnliche Arme wie Äste. Diese Äste werden dick und wieder dünn…. Ich muss mich übergeben!

Diese Szene ereignete sich ungefähr, als ich 12 Jahre alt war. Ich dachte lange Zeit, dass dies das erste und einzige Mal war, dass ich Fieber hatte. Im Erwachsenenalter, als bei mir bereits Migräne diagnostiziert war, und ich immer mehr über Aura und weitere Begleiterscheinungen der Migräne las, fragte ich mich, ob dass vielleicht das so genannte Alice-im-Wunderland-Syndrom war.

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Alles über das Alice-im-Wunderland-Syndrom erfahrt ihr in diesem Artikel!

Anfang 20 nämlich, in einer stressigen Prüfungsphase am Ende meiner Ausbildung, hatte ich weitere Wahrnehmungsstörungen, die ich nicht wirklich zuordnen konnte. Ich arbeitete als Krankenschwester-Auszubildende im Krankenhaus als ich mehrfach zeitliche Verschiebungen hatte.

Einmal beispielsweise war ich gerade im Schwesternzimmer und sehe durch das große Fenster auf den Flur hinaus wie ein Patient in den rechten Teil des langen Krankenhausflurs geht. Ich arbeite weiter meine Sachen ab, räume dies und das weg, es vergehen mindestens gefühlte 10 Minuten, als ich wieder in den Flur eile und der gleiche Patient sich aber gerade erst kurz hinter dem Fenster des Schwesternzimmers befindet. Hatte ich eine Zeitverschiebung? Ich fragte ihn sogar, ob er schon mehrfach hier auf und ab gelaufen war, aber nein: Er war auf dem direkten Weg zu seinem Zimmer.

Solche Situationen, in denen die Zeit mal schneller oder langsamer ging, passierten in diesen stressigen Prüfungsmonaten einige Male. Auch wurde der Flur manchmal unerträglich lang und ich konnte mich nicht mehr normal bewegen. Ich blieb dann stehen und versuchte tief einzuatmen, dann verkürzte sich der Flur wieder und meine Bewegungen wurden wieder normal.

Dies ging immer mit einem absurden gleichförmigen Körpergefühl einher. Was Außen geschah, passierte auch im Körper.

Damals dachte ich, ich bin gestresst oder feiere neben der Ausbildung zu viel. Es war schon merkwürdig, aber ich fand es auch irgendwie interessant, was da passierte. Richtig Sorgen machte ich mir auf jeden Fall nicht. Und häufig dran gedacht hab ich danach auch nicht mehr.

Bis ich auf einer meiner Reisen mit dem Bus in einer wunderschönen Schlucht im Norden Griechenlands Sammi und Karo, ein Paar aus Belgien, kennenlernte. Sie befanden sich, wie ich auch, auf einer längeren Reise mit ihrem Bus. Sammi ist 29 Jahre alt, Koch und leidet unter Migräne und dem Alice-im-Wunderland-Syndrom.

Von unserem ersten Treffen in Griechenland an, habe ich die beiden immer wieder getroffen, da wir quasi die gleiche Route hatten. Bei einem unserer diversen Grillabende erzählte mir Sammi seine verrückte und irritierende Migräne– und Alice-im-Wunderland-Geschichte.

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Was ist überhaupt das Alice-im-Wunderland-Syndrom?

Das Alice-im-Wunderland-Syndrom (kurz: AIWS) wurde erstmals 1952 von der amerikanischen Neurologin Caro Lippman (Lippman, 1952) beschrieben. Es bekam jedoch 1955 den zusätzlichen Namen Todd’s Syndrom, da die Beschreibung des Syndroms durch den englischen Psychiater John Todd einflussreicher war. 

Todd beschrieb das Syndrom als unterschiedliche Wahrnehmungsstörungen, die Verzerrungen der Größe, Masse oder Form des eigenen Körpers oder seiner Position im Raum beinhalten und oft von Depersonalisation und/oder Derealisation begleitet werden (Todd, 1955). Das AIWS tritt häufig als Begleiterscheinung einer Migräne auf, vor allem im Rahmen einer Aura.

Alice-im-Wunderland-Syndrom: Alles erscheint plötzlich unmöglich weit weg, oder unnormal groß.
Das Alice-im-Wunderland-Syndrom ist eine Wahrnehmungsstörung. Diese fallen höchst individuell aus.

Das Phänomen ist zurückzuführen auf die Figur Alice im Wunderland aus dem gleichnamigen Roman von Lewis Carroll (Carroll, 1865). Darin beschreibt die Hauptfigur Alice, dass ihr Körper abwechselnd schrumpft und wieder wächst. Der Autor Lewis Carrol beschrieb in seinen Tagebüchern ebenfalls Wahrnehmungsstörungen sowie die typischen Symptome einer Migräne (Green, 1953).

Obwohl es sich bei den beschriebenen Fällen von Todd und Lippman um Jugendliche oder Erwachsene handelte, wird AIWS heute am häufigsten bei Kindern berichtet (Lanska et al., 2018). Kinder, die unter dem Alice-im-Wunderland-Syndrom leiden, hören plötzlich auf zu spielen, ziehen sich oft zurück und wirken ängstlich. Die Symptome treten gehäuft vor dem Einschlafen auf und verschwinden meist während der Pubertät.

Wie viele Menschen von dem Syndrom tatsächlich betroffen sind, lässt sich kaum sagen, da es eine große Bandbreite an Symptomen und Ausprägungen gibt. (Mastria et al., 2016)

Ursachen: Wie entsteht das Alice-im-Wunderland-Syndrom?

Beim AIWS handelt es sich nicht um eine eigenständige Erkrankung, sondern um Symptome einer neurologischen oder psychischen Grunderkrankung wie z.B. der Migräne. Dort tritt das Alice-im-Wunderland-Syndrom als Teil der Aura-Phase auf. Weitere Grunderkrankungen können sein:

  • Epilepsie: Auch als Vorbote eines epileptischen Anfalls kann das Syndrom in Erscheinung treten.
  • Infektion mit dem Zoster- oder Epstein-Barr-Virus: Das Herpesvirus ist bekannt als Auslöser des Pfeifferschen Drüsenfiebers. Bei Kindern stellt EBV vermutlich die häufigste Ursache für das Alice-im-Wunderland-Syndrom dar.6
  • Drogenmissbrauch: Die übermäßige Einnahme psychoaktiver, halluzinogener Drogen oder sogenannter „Partydrogen“ kann zu den Zuständen führen.
  • Schlaganfall
  • Hirntumor
  • Schizophrenie
  • Depression

Wahrscheinlich liegen dem Syndrom organische oder funktionelle Veränderungen in einem bestimmten Bereich des Gehirns zugrunde, dem sogenannten Temporallappen  oder auch Schläfenlappen. Dort sind im Gehirn verschiedene Sinneswahrnehmungen und Gedächtnisleistungen verortet. Was aber genau dahintersteckt, ist unklar und muss weiter erforscht werden. (Mastria et al., 2016)

Symptome des Alice-im-Wunderland-Syndroms

Betroffene beschreiben einen teilweisen Verlust der Orientierung, da die Umgebung und der eigene Körper verändert wahrgenommen werden. Daher kann der Zustand auch zu Angstzuständen oder sogar Panikattacken führen.

Folgende Symptome sind typisch für das Alice-im-Wunderland-Syndrom:

  • Makroskopie: Der eigene Körper oder Teile wie die Hände und Arme erscheinen größer
  • Mikroskopie: Der eigene Körper oder Körperteile erscheinen kleiner
  • Metamorphopsie: Dinge in der Umgebung sind verzerrt, größer, kleiner oder bewegen sich eigenartig. Darunter fallen:
  • Teleopsie: Objekte scheinen weiter entfernt als sie tatsächlich sind 
  • Pelopsie: Objekte scheinen näher dran, als sie tatsächlich sind
  • Dysmorphopsie: Die Umgebung erscheint unförmig und verzerrt
  • Halluzinationen: Gegenstände oder Formen werden gesehen, die gar nicht da sind
  • Orientierungsverlust: Betroffene wissen nicht mehr wo oben und unten oder links oder rechts ist. Auch eine Fehlanordnung von Körperteilen wie in Gemälden von Pablo Picasso werden beschrieben
  • Veränderungen des Zeitgefühls: Die Zeit rast vorbei oder vergeht sehr langsam
  • Derealisation: Die äußere Welt wird als nicht wirklich/real erlebt
  • Depersonalisation: Der/Die Betroffene fühlt sich entfremdet 
  • Akustische Wahrnehmungen: Stimmen oder Geräusche werden gehört
  • Veränderungen im Tastsinn: Der Boden verschwindet oder fühlt sich weich an
  • Körperliche Symptome: Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Schwindel und Müdigkeit

In der Geschichte von Lewis Carroll beschreibt Alice diverse Wahrnehmungsstörungen dieser Art. Zum Beispiel scheint sie beim Fall in den Kaninchenbau eine Verlangsamung der Zeitwahrnehmung zu haben:

„Entweder war der Brunnen sehr tief, oder sie fiel sehr langsam, denn sie hatte beim Fallen viel Zeit sich umzusehen und sich zu fragen, was als Nächstes passieren würde.“ 

In Kapitel 2 schrumpft ihr Körper, nachdem sie aus einer Flasche mit der Aufschrift „TRINK MICH“ getrunken hatte; dann isst sie einen Kuchen und wird so groß, dass sie an die Decke stößt. (Mastria et al., 2016)

„Seltsamer und seltsamer!“ rief Alice. „Jetzt öffne ich mich wie das größte Teleskop, das es je gab! Auf Wiedersehen, Füße!“

Therapie: Wie behandelt man das Alice-im-Wunderland-Syndrom?

Eine gezielte Therapie des Alice-im-Wunderland-Syndroms gibt es leider nicht. Nur wenn das Syndrom extrem stark ausgeprägt ist, können in der Akutphase Beruhigungsmittel zum Schutz der Betroffenen gegeben werden. 

Dennoch gibt es Hilfe: In der Therapie ist es wichtig die zugrundeliegende Erkrankung zu erkennen und diese entsprechend zu behandeln. Wenn das AIWS also im Rahmen einer Aura vor Migräneanfällen auftritt, macht zum Beispiel eine medikamentöse sowie alternativ-medizinische Migräneprophylaxe Sinn. Tritt es im Rahmen einer Epilepsie auf, werden Antiepileptika gegeben. Im Idealfall verschwinden durch die Behandlung der zugrundeliegenden Erkrankung dann auch die Symptome des Alice-im-Wunderland-Syndroms. 

Ein Interview: „Plötzlich wird um mich herum alles sehr, sehr schnell!“

Auch Sammi, der Koch aus Belgien, sollte mit Antidepressiva als Migräne-und AIWS-Prophylaxe behandelt werden. Seine ersten Migräneattacken hatte er bereits im Kindesalter als er noch unter 10 Jahre alt war. Im Alter von 13 begannen dann auch die Alice-im-Wunderland-Symptome. 

Meistens kamen die Migräne-Anfälle nachts und begannen mit Alpträumen. Ein bis zweimal im Jahr startete die Attacke damit, dass plötzlich alles um ihn herum sehr schnell wurde. 

„In meinen Träumen war es wie in den Filmen, wo Autos über die Highways fliegen und die Kamera zeigt nur die vorbeiziehenden Mittelstreifen.“

„Wenn ich aufwachte, hatte ich meist Kopfschmerzen und musste mich übergeben. Ich wusste dann auch gar nicht wer und wo ich war. Damals war mir nicht klar, das dass mit Migräne verbunden war.“ 

Sammi hatte demnach also auch Symptome der Derealisation und der Depersonalisation. Nach circa 3 Jahren, im Alter von 16 Jahren ungefähr, war der Spuk vorbei. Sammi hatte nur noch Migräne aber kein AIWS mehr. 

Bis vor zwei Jahren das Alice-im-Wunderland-Syndrom während einer sehr stressigen Zeit plötzlich wieder da war. „Ich hatte gerade bei einem neuen Koch angefangen und es war alles sehr stressig. Zudem begannen wir zu dem Zeitpunkt die Weltreise zu planen und den Bus auszubauen.“ 

In dieser Zeit hatte Sammi zwei bis dreimal die Woche für 5 bis 15 Minuten Symptome des Todd’s-Syndroms ohne Übelkeit oder Kopfschmerzen. Also relativ häufig. Dieser Zeitraum dauerte etwa drei bis vier Monate an. Dann wurde es wieder ruhiger. 

„Als ich es das erste Mal wieder hatte, saß ich gerade auf dem Fahrrad und alles flog unnormal schnell an mir vorbei. Ich dachte mir, das kann nicht sein, so schnell fahr nicht mal ich.“

Einmal hatte er es auch während des Autofahrens. „Das ist schon echt gefährlich, man muss natürlich sofort anhalten, auch das Steuer entfernte sich von mir. Auch bei der Arbeit war es nicht ungefährlich, da ich ja auch mit großen Messern hantiere.“ 

Sammi hat dann damals selber recherchiert und herausgefunden, dass es das Alice-im-Wunderland-Syndrom sein müsste. Er ging dann auch zum Neurologen ohne was zu sagen und der kam zu dem gleichen Schluss. Der Arzt meinte, das wäre unüblich da die Symptome meistens nach der Pubertät verschwinden. Er bot ihm Antidepressiva als Prophylaxe an, aber Sammi dankte ab. 

Wenn Alice kommt, versucht er sich zu entspannen, indem er ruhig ein- und ausatmet. 

„Besonders wenn ich gestresst bin, z.B. bei einer Diskussion mit meiner Freundin, passiert es. Dann wird mein Kinn ganz schwer und plötzlich entfernen sich alle Gegenstände inklusive Caro von mir. Alles ist 10 bis 20 Meter entfernt und ich kann auch kaum noch hören, wenn sie was sagt.“ 

Als Migräne-Trigger konnte Sammi Alkohol und Schlafmangel ausmachen. Das Alice-im-Wunderland-Syndrom wird bei ihm eher durch Stress getriggert.

Heute hat Sammi nur noch ab und zu Mal Migräne und sehr selten Symptome des Todd’s Syndrom. Seitdem die beiden mit dem Bus unterwegs sind und nicht arbeiten, hatte er nicht einmal einen Anfall. 

Fragen an dich:

Kanntest du das Alice-im-Wunderland-Syndrom bereits? Hattest du auch schonmal Symptome dieser Art?

Quellen

Lippman, C.W. (1952): „Certain hallucinations peculiar to migraine.“ In: Journal New Ment Dis. 116: S. 346-351.

Todd, J. (1955): „The syndrome of Alice in Wonderland.“ In: Can Med Assoc J. 73: S. 701-704.

Carroll, L. (1865): „Alice’s Adventures in Wonderland.“ 

Green, R.L. (1953): „The Diaries of Lewis Carroll“

Lanska, D.J. et al. (2018): „The Alice-in-Wonderland Syndrome.“ In: Neurologic-Psychiatric Syndromes in Focus. Part II – From Psychiatry to Neurology. Front Neurol Neurosci. Basel, Karger, 2018, vol 42, S. 142-150.

Mastria, Giulio et al. (2016): “Alice in Wonderland Syndrome: A Clinical and Pathophysiological Review.” In: BioMed research international

Redaktion PraxisVITA (2020): Alice-im-Wunderland-Syndrom: Wenn die Welt schrumpft. In: 

https://www.praxisvita.de/alice-im-wunderland-syndrom-wenn-die-welt-schrumpft-18179.html (Letzter Zugriff: 17.02.2021)

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