#MigraineFaces - Antonia: Migräne machte mich stark & zugleich schwach

Antonia, @Kayylanty auf Instagram, stellt ihre Migräne durch eine Zeichnung dar.

Wer kann eine Krankheit besser erklären als jemand, der sie hat? Wer unter Migräne oder Spannungskopfschmerzen leidet, wird oft selbst zum Experten. Deshalb stellen wir jeden Monat ein #MigraineFace vor.

Hier erzählt uns Antonia, wie sie mit Migräne umgeht.

Macht mit: Teilt eure Migräne-Geschichten und -Gesichter mit dem Hashtag #MigraineFaces auf Facebook, Instagram oder Twitter – ungeschminkt oder stilisiert, alles ist erwünscht.

Wenn du auch mal Fragen zu deinen Kopfschmerzen beantworten willst, schreibe einen Kommentar oder schicke uns eine E-Mail an kontakt@m-sense.de.


Vorname: Antonia - oder Kayylanty auf Instagram
Tätigkeit: Filmproduzentin, Buchhalterin in Family Office, Studentin Bachelor Business Administration mit Major Digital Transformation & AI Management, Bloggerin
Kopfschmerzart: Migräne, Spannungskopfschmerz
Häufigkeit der Attacken: früher; 2 Mal sehr stark jede Woche, heute; ~ 2 Mal im Monat


So ergeht es Antonia mit ihrer Migräne:

Wie wirkt sich die Migräne bzw. die Kopfschmerzen auf deinen Alltag aus?

Die Frage selbst ist bereits zum Schmunzeln, denn die Migräne wirkt sich nicht auf den Alltag aus, sondern sie ist Alltag. Meine Migräne startete circa im Alter von 7 Jahren, ein Leben ohne Migräne war kaum vorstellbar. Früher als kleines Kind hatte ich zwei bis drei Mal die Woche sehr starke Migräne und dazwischen nur Kopfschmerzen.

Die Migräne machte mich stark & zugleich schwach.

Ich musste von klein auf lernen mit den Schmerzen umzugehen, denn nichts würde dagegen helfen. MRIs und EEGs waren Bestandteil meiner Kindheit, besuche bei diversen Ärzten gehörten zum Standard. Wirklich helfen konnten diese aber nicht, aus diesem Grund entwickelte ich eine eigene Kopfschmerz-Skala von 1-10, um meiner Familie mitzuteilen, in welcher Phase der Migräne ich mich befand.

  • Nummer 1-4 beschrieb die Stärke von eher neutralen, wohlbekannten Kopfschmerzen. Diese waren zwar den ganzen Tag da, sie schränkten aber kaum im Alltag ein, sondern einfach als gegeben hingenommen.
  • Sobald die Skala auf eine 5 kippte, wurde es kritisch - wenn ich es hier nicht schaffe mich abzulenken, Schlafen zu gehen oder eine sehr starke Tablette zu nehmen, dann war klar, dass der Wert auf der Skala steigen würde.
  • Eine 6-7 war der Zustand der Migräne, die Ruhe vor dem Sturm sozusagen. Hier setzt die Lichtempfindlichkeit, die Geräuschempfindlichkeit oder die Geschmacksempfindlichkeit ein, nebst dem stechenden Schmerz. Wenn ich mich bei diesen Werten noch an der Öffentlichkeit befand, war es höchste Zeit nach Hause zu eilen.
  • Eine 8-9 war dann die volle Migräne-Attacke mit einer Vielzahl an Symptomen:
    • Ich wurde schwach, der Körper bricht zusammen, bleich
    • Eine qualvolle Übelkeit macht sich bemerkbar, mit Erbrechen
    • Jeder Lichtstreifen eine Qual, die Augen zusammengekniffen
    • Die Stirn voller Schmerzen gerunzelt, die Kapuze über den Kopf gezogen
    • Geräusche sind ein Tabu, die Hände irgendwo am Kopf
  • Eine 8-9 in der Öffentlichkeit bedeutete, dass alle mich komisch anschauten und sich wohl fragten was mit mir nicht stimmte. Meine Familie konnte bereits auf den ersten Blick erkennen, dass es sich um Migräne handelte. Wirklich ansprechbar war ich nicht mehr, nicht einmal auf eine SMS konnte ich in diesem Zustand antworten.
  • Eine 10... die hatte ich erst einmal. Dies war im Alter von circa 10 Jahren, vielleicht war ich auch jünger. Ich bat meine Eltern, schreiend, mich von dem Schmerz zu erlösen, ich wollte sterben, der Schmerz war nicht auszuhalten. Ich denke mit Schrecken an diesen Tag zurück.

Migräne bei Kindern: Die wichtigsten Fakten
Migräne bei Kindern: Die wichtigsten Fakten - Im Kindesalter haben circa 4-5 Prozent der Kinder Migräne. Mädchen und Jungen sind bis zur Pubertät gleich häufig betroffen. Kopfschmerzen kennt fast jeder. Doch Migräne ist vielen - besonders unter Kindern und Jugendlichen - ein Fremdwort.


Die Auswirkungen von Migräne bei einem Kind sind recht groß. Die meisten außenstehenden Kinder verstehen nämlich nicht, dass es nur eine Berührung am Kopf braucht und die Folgen lange Kopfschmerzen sind - der Tag ist im Eimer.

Das viele Fehlen im Unterricht wird von den Lehrern ebenfalls nicht verstanden oder toleriert. Die Folgen sind, dass alle denken, dass man andauernd schwänzt. Selbstverständlich wird immer mehr Schulstoff verpasst, was wiederum Stress beim Kind verursacht, es entwickelt sich eine Art negative Spirale aus der das Kind kaum wieder herauskommt.

Schulreisen? Keine Frage, die sind nicht möglich, denn wenn die Migräne irgendwo im Nirgendwo einsetzt, dann wäre das Kind verloren. Aus diesem Grund mussten immer spezielle Regelungen mit den Lehrern getroffen werden. Die Lehrer – und das merkte ich – fanden nicht viel Verständnis für diese extra Behandlung, aber Sie akzeptierten die Umstände.

Auch im Sportunterricht kriegte ich bei gewissen Übungen, beispielsweise dem Kopfstand, gleich Kopfschmerzen. Wenn ich mich aus diesem Grund bei erneutem Machen weigerte, dann gab's blöde Sprüche. Draußen spielen war kein Problem, jedoch kriegte ich sehr schnell von der Sonne Migräne.

Und dann ist da noch der Aspekt, dass man bestimmt schon bei all seinen Freunden zu Hause erbrochen hat. Am Anfang sind die Eltern schockiert, die Freunde sind das aber meist schon gewöhnt und erklären, dass das normal ist. Zuerst ist da Besorgnis bei den Eltern, irgendwann wissen aber auch diese Bescheid, dass das ab und an passiert und es mir danach oft schon etwas besser ging.

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass das Leben eines Kindes mit Migräne alles andere als normal ist.

Die Auswirkungen von Migräne bei einem Teenager oder jungen Erwachsenen verändern sich im Sinne, dass man bereits eine Routine besitzt. Die Migräne wird aber nicht weniger heftig und dass kann ein grosses Problem sein, wenn man sich in einem fremden Land befindet und gerade die Welt am Entdecken ist.

Einst befand ich mich in Großbritannien bei den Seven Sisters Klippen, ein sehr eindrucksvoller Ort, als meine Migräne mit der Stufe 6 einsetzte. Meine Wohnung befand sich 2 Stunden von dort, im Herzen von London, mit dem Auto - ich hatte aber kein Auto. Die Gruppe, in der ich mich befand und ich wanderten also eine sehr weite Strecke, bevor wir einen Bus fanden. Mit jedem Schritt nahm meine Migräne zu.

Retrospektiv sind solche Momente bestimmt die schwierigsten, denn man muss durchhalten obwohl man das Gefühl hat jeden Moment zusammenzubrechen.

Stand heute kann ich all jenen Tätigkeiten nachgehen, die ich immer tun wollte. Das hätte ich mir früher als Kind niemals erträumt. Klar, auch heute gibt es Momente, in denen die Migräne so richtig einsetzt. Grundsätzlich aber haben die letzten Jahre mich druckresistenter gemacht, sodass ich heute 70% als Buchhalterin arbeiten kann, gleichzeitig als Filmproduzentin tätig bin und auch noch an der Universität meinen Bachelor mache.


Migräne im Job
Migräne im Job: Viele Menschen schleppen sich morgens mit Migräne oder Kopfschmerzen zur Arbeit – aus Angst vor Vorurteilen, Stigmatisierung und Diskriminierung durch Arbeitskollegen und Vorgesetzte.

Kannst du deiner Migräne / Kopfschmerzen auch etwas Positives abgewinnen?

Ich vertrete die Ansicht, dass man aus sämtlichen Erfahrungen etwas Positives ziehen kann. Die Kopfschmerzen haben mich zu der Person gemacht, die ich heute bin.

Zum einen habe ich ein völlig anderes Verständnis von Schmerz, da die vielen Jahre von Migräne einen Abhärten.

Blosser Schmerz, wenn man im Kampfsport auf die Nase kriegt oder sich irgendwo stösst wird nicht als solcher wahrgenommen, denn die Schmerzen, die ich in den Jahren davor hatte, sind nicht vergleichbar.

Des Weiteren nimmt man den eigenen Körper anders wahr, denn man kennt diesen schwach, wie aber auch stark und schätzt so die Zeit, in der man gesund ist, umso mehr. Generell haben die Kopfschmerzen mir beigebracht, dass wenn man Schmerzen hat, dass der eigene Körper etwas mitteilen möchte.

Die Migräne hat mir beigebracht bewusster zu leben. Ich versuche genug zu trinken und auch keine Mahlzeit auszulassen, da man auch davon Kopfschmerzen kriegen kann. Ich versuche mich darauf zu achten einen schattigen Platz zu wählen, statt an der prallen Sonne zu sein, oder zumindest einen Hut anzuziehen.

Und ich sage bewusster nein. Damit meine ich, dass ich meine Grenzen kenne und wenn etwas ausserhalb dieser liegt, ich dankend ablehnen kann.

Sei es im Arbeitsumfeld oder auch privat. Seit der Migräne ist es mir wichtig die richtige Work Life Balance zu haben und das lasse ich mein Umfeld auch wissen. In diesem Sinne kann ich jedem mitgeben sich zu überlegen, weshalb man Schmerzen hat und diese an der Wurzel zu beheben, und nicht einfach blind Tabletten zu schlucken.

Was ist dein bevorzugter Rückzugsort, wenn eine Attacke dich erwischt?

Definitiv das Bett! Am besten entkomme ich der Migräne falls ich es schaffe einzuschlafen.

Hast du einen Tipp, den du anderen Betroffenen mitteilen willst?

Bei mir wurden so unglaublich viele Spezialisten konsultiert und doch: Im Nachhinein ist man meistens schlauer. Jeder hat seine eigenen Kopfschmerzen und Migräne, aber diese nachfolgenden Dinge werden aber bestimmt vielen Neulingen auf dem Gebiet helfen:

  • Überlege Dir ob Deine Kopfschmerzen von Überforderung, Überarbeitung oder zu viel Stress entstehen? Damit die Kopfschmerzen weniger werden, musst Du Dich in einem Umfeld befinden, dass sich auf Dein Tempo anpasst und in dem Du Dich wohl fühlst. Ein Leben voller Stress kann auf die Dauer dem Körper nicht guttun und wenn Du die Symptome nicht frühzeitig erkennst, ist das Risiko eines Burnouts relativ groß.
  • Überprüfe auch, ob dein Rücken und Nacken dazu neigt verspannt zu sein - ja, tut er? Dann ist es wichtig, dass Du ein Hobby oder eine Therapie findest, bei welcher Du diese Verspannungen lösen kannst. Manche schwören auf Akupunktur, andere auf Massagen, ich selbst mache Kampfsport.
  • Wenn die Kopfschmerzen unabhängig vom oben genannten auftreten, dann solltest Du zuerst darauf achten, immer genügend Wasser zu trinken und auch genügend Essen zu Dir zu nehmen. Diese zwei Punkte sind besonders wichtig, denn oftmals vergessen wir mindestens 2 Liter am Tag zu trinken.
  • Schlaf ist ein weiterer wertvoller Tipp, denn wer nicht genügend Schlaf hat, der muss sich nicht wundern, wenn die Kopfschmerzen sich anbahnen am nächsten Tag.
  • Außerdem wirst Du wissen, welche Aktivitäten Du vermeiden solltest, um keine Kopfschmerzen zu kriegen. Jeder ist hier individuell, respektiere einfach deine persönlichen Grenzen.

Ich hoffe, dass ich mit diesen Tipps helfen kann und den täglichen Horror etwas lindern kann. Wenn man auf die oben beschriebenen Dinge gut Acht gibt, sollten sich die Kopfschmerzen auf ein erträgliches Minimum reduzieren lassen.

Ich lege jedem ans Herz seine Verantwortung wahrzunehmen und sich ein Leben zu schaffen, dass der eigenen Gesundheit gerecht wird. Wer sich informiert, den Alltag an die Gegebenheiten anpasst und positiv bleibt, der schafft das!

Prophylaxe-Medikamente bei Migräne – ein Überblick: Die Behandlung von Migräne kann akut oder vorbeugend erfolgen. Wir beleuchten die wichtigsten Prophylaxe-Medikamente gegen Migräne und berichten über Vorteile, Nachteile und eigene Erfahrungen.
Prophylaxe-Medikamente bei Migräne – ein Überblick: Die Behandlung von Migräne kann akut oder vorbeugend erfolgen. Wir beleuchten die wichtigsten Prophylaxe-Medikamente gegen Migräne und berichten über Vorteile, Nachteile und eigene Erfahrungen.

Wenn Du ein motivierendes Fazit schreiben müsstest, würde es lauten:

Sei nicht bedrückt über Lebensumstände, die Du nicht ändern kannst. Widme Dich all jenem, dass in Deiner Macht steht. Lerne Deine Stärken und Schwächen gleichermassen kennen und gestalte ein Leben, dass Dir und Deiner Gesundheit gerecht wird. Lass Dir von niemandem sagen, dass Du etwas nicht schaffen könntest, aufgrund von Deiner Beeinträchtigung.

Die Barrieren werden Dir den Weg erschweren, aber Du wirst mit der Herausforderung wachsen.

Friedrich Niezsche sagte einst: „Was mich nicht umbringt macht mich stärker.“ Auch Du wirst Resilienz aufbauen durch Deine Migräne. Als ich sieben Jahre alt war habe ich mit 2 Mal die Woche Migräne angefangen, nun habe ich mir das Leben so gestaltet, dass es für mich passt, und jetzt leite ich komplexe Filmproduktionen mit über 180 involvierten Personen, diverse Buchhaltungsmandate und studiere gleichzeitig.

Ich hoffe ich konnte Dir mit meinem Interview bei Deiner Migräne weiterhelfen! Über einen kleinen Gruss bei Instagram würde ich mich sehr freuen man findet mich unter „Kayylanty“.

Falls Du Fragen hast, werde ich bestmöglich versuchen diese dort zu beantworten.

Teile auch Du Deine Geschichte mit der Migräne-Community, wir sind gespannt.

Carol Kacperski
Carol Kacperski

Carol ist Teil des Marketing-Teams von M-sense. Als Literatur- und Kulturwissenschaftlerinhat sie ein Talent dafür, die Dinge charmant auf den Punkt zu bringen. Bei M-sense liebt sie das posten, sharen und vor allem das Gefühl, etwas Sinnvolles zu bewegen.

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