Wetter als Migräne-Auslöser: Sind Migräniker Wetterfrösche?

Viele Migräniker sind der Meinung, Wetter löse bei ihnen Migräne-Attacken aus. Auch ich behaupte: Ich bin ein Wetterfrosch.
Mona Kattwinkel
Mona Kattwinkel
Mona bloggt für M-sense. Sie ist Studentin, junge Mutter und nicht zuletzt Migräne-Expertin. Sie hat Migräne seitdem sie 8 Jahre alt ist und engagiert sich als Mitglied einer Selbsthilfegruppe innerhalb der MigräneLiga e.V. Deutschland.
Nachtmodus

Ob es einen Zusammenhang zwischen Wetter und Migräne gibt, ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig nachgewiesen. Doch erste Studien scheinen den Einfluss von bestimmten Wetterlagen auf Migräne-Attacken zu bestätigen.

Ob nachgewiesen oder nicht, ich behaupte: Ich bin ein Wetterfrosch! 🐸
Bist Du auch einer?

Ich reagiere auf starke Temperaturschwankungen, extreme Hitze oder Kälte sowie auf eine hohe Luftfeuchtigkeit oder starke Veränderungen beim Luftdruck mit Kopfschmerzen oder Migräne.

Hitze und Kälte als Migräne-Auslöser

Verbringe ich im Sommer zu viel Zeit in der Hitze oder im Winter zu viel Zeit in der Kälte, beginnt meine Migräne meist mit einem Spannen und Ziehen in der Schläfengegend. Das fühlt sich an, als würde jemand meine Nerven im Kopf wie Kaugummi auseinanderziehen. Folgt bei Hitze kein rascher Rückzug in den Schatten oder bei Kälte keine Flucht ins Warme, entwickelt sich das Ziehen mal langsamer, mal schneller zu einem dumpf-pochenden Schmerz. Nun beginnt der kleine Schlagzeuger in meinem Kopf, seine Bassdrum im Rhythmus meines Herzschlags zu spielen. Hat er erstmal losgelegt, lässt er sich sehr schwer wieder aufhalten. Jeder Schlag ein Pochen.

Wetterwechsel als Auslöser für Kopfschmerzen

Steht ein Wetterwechsel kurz bevor, verändert sich auch der Luftdruck. Meist fällt dieser rapide ab, wenn sich das Wetter und die Temperaturen ändern. Während sich andere Menschen in der kalten grauen Herbstzeit freuen, wenn das Thermometer plötzlich nochmal sommerliche Temperaturen anzeigt, liege ich mit Schmerzen im Bett.

Ich spüre den Temperaturanstieg oder -abfall meist bereits ein paar Tage zuvor. Auf den Grund bzw. Auslöser für meine Attacke komme ich dann meist erst im Nachhinein: Ein paar Tage später, wenn dunkle Wolken aufziehen und sich ein Gewitter zusammenbraut – oder es innerhalb von zwei Tagen 10° Temperaturunterschied gibt.

Deshalb halte ich die Theorie von der selbsterfüllenden Prophezeiung (self-fulfilling prophecy), die gerade im Zusammenhang mit dem Wetter als Migräne-Auslöser von Wissenschaftler*innen gerne angeführt wird, in meinem Fall auch nicht für zutreffend. Zudem ich mich in der Regel nicht vorher über das Wetter informiere. Also ist die Wahrscheinlichkeit eher gering, dass ich mit dem Wissen über kommende Wetterumschwünge oder extreme Temperaturschwankungen und der entsprechenden Erwartungshaltung eine Migräne-Attacke auslöse.

Die selbsterfüllende Prophezeiung: Wenn deine Erwartungshaltung Migräne triggert

Die selbsterfüllende Prophezeiung beschreibt das Phänomen, dass allein die Erwartungshaltung hinsichtlich des Ausgangs einer Situation oftmals dazu führt, dass die Situation genau wie erwartet eintritt. Sprich, wenn man schon häufiger am Wochenende oder nach einem Wetterumschwung Kopfschmerzen oder Migräne bekam, wird man sehr wahrscheinlich erwarten, dass dies auch zukünftig eintreten wird. Der Beginn des Wochenendes oder der angekündigte Temperaturunterschied werden zum konditionierten Reiz, die Alarmglocken gehen an und man erwartet wie der Pawlowsche Hund das Eintreten von Migräne oder Kopfschmerzen.

Was sagt die Studienlage?

Tatsächlich hat das Wetter wohl nur bei jedem 10. bis 20. Migränebetroffenen einen Einfluß. Schwer vorstellbar, da ich von so vielen Betroffenen höre, dass es ihnen ähnlich geht wie mir. Das Problem liegt wohl eher darin, dass die Studienlage recht mau ist und der Einfluß von Wetter auf Migräne sich nur schwer nachweisen lässt.

Die Ergebnisse einer Studie von Prince et al. (2004) unterstützte bereits den Einfluss von Wettervariablen auf Kopfschmerzen, zeigte aber auch dass mehr Patient*innen das Wetter für einen Auslöser hielten, als dies der Fall war.

Eine Studie aus dem Jahre 2011 trug alle Daten bezüglich Wetter und Migräne zusammen und stellte fest, dass die Aussagen widersprüchlich waren (Hoffmann et al. 2011). Zusammenfassend zeigten die Daten der eigenen Studie, dass bei einer signifikanten Untergruppe von Migräne-Betroffenen die Veränderung bestimmter Wetterkomponenten das Auftreten einer Migräne-Attacke begünstigt.

Dieser Befund legt nahe, dass betroffene Migräne-Patienten eine erhöhte Anfälligkeit für diese Wetterbedingungen haben. (Hoffmann et al. 2011)

Die DiGA M-sense Migräne hat daher auch das Wetter als möglichen Auslöser mit in das Kopfschmerztagebuch aufgenommen. Superpraktisch: Die Daten musst du bei M-sense Migräne nicht extra eingeben, die App holt sie sich selbstständig via GPS. Du musst nur die Ortungsdienste eingestellt haben.

Was ist denn „Wetter“ überhaupt?

Beim Wetter unterteilt man drei unterschiedliche Bereiche, die alle Migräne oder Kopfschmerzen beeinflussen können: die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit und den Luftdruck.

Temperatur

Drastische Temperaturschwankungen können dazu beitragen, dass sich eine Migräne-Attacke anbahnt. Außerdem nimmt man vor einer solchen Attacke Veränderungen der Temperatur oft stärker wahr, die Sensibilität ist also erhöht. Das kann ein sogenannter Vorbote sein, der die Attacke nicht auslöst, sondern ankündigt.

Luftfeuchtigkeit

Sehr hohe Luftfeuchtigkeit wird häufig als Auslöser von Migräne-Attacken genannt, extrem niedrige dagegen seltener. Bei hoher Luftfeuchtigkeit kann auch die Schmerzstärke zunehmen.

Die Ergebnisse einer aktuellen Studie zeigen, dass eine höhere relative Luftfeuchtigkeit in der warmen Jahreszeit mit einer höheren Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Migräne-Kopfschmerzen verbunden war. Zudem schienen höhere Ozon- und Kohlenmonoxid-Werte mit einer höheren Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Migräne-Kopfschmerzen in der kalten Jahreszeit (Oktober-März) verbunden zu sein. (Li et al. 2019)

Luftdruck

Abfall oder Anstieg des Luftdrucks gelten ebenfalls als häufige Auslöser von Migräne-Attacken. Auch bestimmte Gehirnzellen, die mit Kopfschmerzen in Verbindung stehen, sind aktiver bei Druckabfall.

In einer ersten Studie (Elcik et al. 2017) wurde nachgewiesen, dass ein Gebiet mit hohem Luftdruck (und klarem Himmel) ein Auslöser für Migräne sein kann. Allerdings waren die Untersuchungsergebnisse statistisch nicht signifikant. 

10 Tipps bei wetterbedingter Migräne:

  1. Trinken: Gerade an heißen Sommertagen und bei vermehrtem Schwitzen, verlieren wir viel Wasser und Mineralstoffe. Umso wichtiger ist es, viel und besonders magnesiumhaltige Getränke zu trinken.
  2. Schlafen: Bei einem unregelmäßigem Schlaf-Wach-Rhythmus verändert sich die Ausschüttung von Nerven-Signal-Substanzen und Hormonen in unserem Gehirn, wodurch die Gefahr und Intensität von Migräne-Attacken steigt. Wichtig ist regelmäßiger und erholsamer Schlaf, um einen möglichst stabilen Biorhythmus zu gewährleisten.
  3. Extreme Kälte vermeiden: Damit ist nicht nur das Wetter draußen gemeint, sondern auch der Kältereiz von Speisen und Getränken, der zu einer kurzfristigen Engstellung der Gefäße führen kann. Nicht umsonst gibt es sogar den sogenannten Eiscreme-Kopfschmerz.
  4. Schnelle Warm-Kalt-Wechsel meiden: Bei empfindlichen Menschen können plötzliche Warm-Kalt-Wechsel (z.B. durch Klimaanlagen im Auto) zu Migräne-Attacken führen. Wichtig ist, darauf zu achten, die Temperaturen nur langsam zu verringern bzw. zu steigern.
  5. Temperaturwechsel-Training: Bewegung im Freien, Sauna- und Kneippgänge sowie Wechselduschen können den Körper an Temperaturschwankungen gewöhnen und den Organismus abhärten, die Gefäße im Gehirn trainieren sowie das Immunsystem stärken. So eine Desensibilisierung kann dafür sorgen, dass man weniger schnell und intensiv auf die Launen des Wetters reagiert.
  6. Starke Düfte reduzieren: In der heißen Jahreszeit sollten schmerzempfindliche Menschen auf starke Parfüms oder parfümierte Seifen und Shampoos verzichten, da sich bei Wärme Duftstoffe stärker entwickeln und so Migräne auslösen oder verstärken können.
  7. Reisen entspannt angehen und klug wählen: Aufregung, Stress und Hektik bei An- und Abreise können den Kreislauf, den Blutzucker-Spiegel oder die Hormone durcheinander bringen und Migräne verursachen. Hilfreich ist daher eine gute Zeitplanung für den Urlaub sowie ausreichend Pausen, Proviant und Getränke. Beim Reiseziel sollte man sich zuvor über das Klima informieren und im Extremfall nur Orte wählen, die vom Wetter her kopfschmerzgünstig sind. Auch bei Reisen in die Alpen und Höhenwanderungen über 2500 Meter sollte unbedingt der Sauerstoffmangel und das Risiko einer Höhen- oder Berg-Krankheit bei der Planung berücksichtigt werden.
  8. Im Schatten bleiben: Bei erhöhten Ozonwerten, die gerade in den heißen und sonnigen Sommermonaten auftreten, sollte man sich am besten mit einem Kühlpad im Nacken in den Schatten zurückziehen, um Kopfschmerzen und Herz-Kreislauf-Probleme weitgehend zu vermeiden.
  9. Entspannen: Wer entspannt ist, kann besser mit dem Wetterstress umgehen. Mit Entspannungstechniken wie Yoga, Achtsamkeit, Pilates, Meditation oder der Progressiven Muskelentspannung (wie auch in der Migräne-App M-sense angeboten) kann man seine Muskeln, Atmung, Stimmung und Haltung trainieren.
  10. Gesunde Ernährung: Menschen, die sich bewusst und gesund ernähren, leiden weniger unter Wetterschwankungen. Am meisten bieten sich hier ausgewogene, vollwertige und dennoch leichte Mahlzeiten an. Verzichten sollte man dagegen auf fettige und blähende Speisen.

Wie sind deine Erfahrungen im Zusammenhang mit Wetter und Migräne? Löst bei dir ein Wetterumschwung eine Migräne aus?

Quellen
  • Prince, P. B. et al. (2004): „The effect on weather and headache.“ In: Headache: The Journal of Head and Face Pain, 44, S. 596-602.
  • Hoffmann, J. et al. (2011): „Weather sensitivity in migraineurs.“ In: Journal of neurology, 258, S. 592-602.
  • Li, W. et al. (2019): „Wetter, Luftverschmutzung und das Risiko des Auftretens von Migränekopfschmerzen bei Patienten mit Migräne.“ In: Environment International, 132, 105100.
  • Elcik, C. et al. (2017): „Relationship between air mass type and emergency department visits for migraine headache across the Triangle region of North Carolina.“ In: International journal of biometeorology 61.12, S. 2245-2254.

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