Lebkuchen – und warum es nur wenige wirksame Migräne-Diäten gibt

Lebkuchen ist ein typisches Weihnachtsgebäck mit unüberschaubaren Zutaten und ein Beispiel dafür, warum es nur wenige pauschale Migräne-Diäten geben kann.
Dr. rer. nat. Markus A. Dahlem
Dr. rer. nat. Markus A. Dahlem
Dr. Markus Dahlem ist Mit-Gründer und CEO von Newsenselab, dem Startup hinter M-sense. Er forscht seit mehr als 25 Jahren über die Entstehung der Migräne. Als Physiker interessiert ihn grundsätzlich, ob mathematische Berechnungen etwas zum Grundverständnis von Erkrankungen beitragen können.
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Zu den Leckereien in der Weihnachtszeit gehört auch der Lebkuchen. Ein typisches Weihnachtsgebäck mit unüberschaubaren Zutaten – und gutes ein Beispiel dafür, warum es so wenige nachgewiesen wirksame Migräne-Diäten gibt.

Es gibt viele Unstimmigkeiten über die Ernährung bei Migräne, und Ernährungsanweisungen gegen Migräne. Doch so pauschal ist das Problem eben nicht, und das ist besonders auffällig bei Lebensmitteln wie Lebkuchen.

Immerhin, knapp 50% des Lebkuchens sind Kohlenhydrate. Regelmäßig und kohlenhydratreich zu essen, gilt als einer der verlässlicheren Ernährungstipps für Migräne-Betroffene. Hinzu kommen die vielen Lebkuchengewürze. Die meisten kennen wir schon aus dem Glühwein, den wir in einem anderen Artikel auseinandergenommen haben: Zimt, Sternanis, Ingwer, Fenchel, Kardamom, Koriander, Anis, Gewürznelken, Muskatnuss und weiteres mehr.

Lebkuchen 02

Zimt – Gefahr oder Medikament bei Migräne?

Cassia-Zimt oder Ceylon-Zimt? Ceylon-Zimt enthält weniger von dem Pflanzenstoff Cumarin. Und Cumarin gilt als gefährlich. Es geisterte mal die Behauptung eines erhöhtes Blutungsrisikos durch cumarinhaltige Zimtsterne durch die Medien. Auch der Lebkuchen geriet in Verdacht, die Süddeutsche Zeitung titelte: Zimt – Unterschätzte Gefahr im Lebkuchen?

Chemische Verbindungen, die dem Cumarin ähnlich sind, konkurrieren mit Vitamin K. So greifen sie in den Stoffwechsel ein und hemmen die Blutgerinnung. In Pilotstudien wurden diese blutverdünnenden Substanzen sogar als vorbeugende Behandlung gegen Migräne getestet [1]. Ihre Wirksamkeit, so die Vorstellung, erklärt sich, weil das Blut besser fließt. Es gibt (nach meiner Kenntnis) keine soliden Ergebnisse und also auch keine Empfehlung in den Leitlinien der Fachgesellschaften oder eine Zulassung für solche Medikamente. Denkbar sind aber immer „gute“ wie „schlechte“ Eigenschaften und zwar durchaus abhängig davon, ob man gesund oder krank ist.

Dass dem Ingwer „gute“ Eigenschaften zugeschrieben werden, und seine Wirkung sogar mit denen von Triptanen verglichen wurde, haben wir in unserem Glühwein-Artikel näher ausgeführt. Damit sind die „guten“ Zutaten im Lebkuchen aber auch schon fast erschöpft.

Wobei, es gibt beispielsweise Lebkuchen mit Minzglasur, was eine russische Variante sein soll. „Kann Minze das Migräne-Elend lindern?“, fragte das Wall Street Journal. Die Anwendungsmöglichkeiten von Minze bei Migräne sind ja vielseitig. Aber statt sich mit Minzöl einzureiben, mag die ein oder andere sich vielleicht mal einen russischen Lebkuchen auf die Stirn legen?

Jenseits solcher ironischen Reflexionen stellt sich die Frage, ob Auslöser überhaupt ständig zu vermeiden sind? Könnte damit das Gehirn nicht desensibilisiert werden, wie es einige Wissenschaftler vorschlagen [2]? Sollte man den richtigen Umgang mit Auslösern vielleicht besser lernen?

Der Lebkuchen zeigt zumindest, dass man gar nicht nachkommt, sich mit den Inhaltsstoffen im Detail auseinanderzusetzen. Vielleicht ein paar grundsätzliche Bemerkungen zu dem Thema Diät.

Lebkuchen 01

Es gibt kaum nachgewiesen wirksame Migräne-Diäten

Eine oft gestellte Frage ist „Wie ernähre ich mich denn nun bei Migräne?“. Doch diese Frage ist nicht mit einem einzigen Leitfaden zu beantworten, denn schließlich ist Migräne eine höchst individuelle Krankheit.

Migräne-Diäten mit nachgewiesenen Effekt gibt es nur wenige. Eine davon ist die Ernährung mit Fokus auf Omega-3-Fettsäuren. Die Wirksamkeit dieser Ernährungsform wurde vor kurzem in klinischen Studien belegt.

Äußere Einflüsse wie Ernährung sind aber nie Grund für Migräne – sie können lediglich eine Migräne-Attacke auslösen. Sie sind aber nicht die Ursachen der vielfältigen Symptome und Schmerzen. Die Ursachen sind neurologischer Natur. Migräne wird vererbt. Äussere Einflüsse wie Wetter, Alkohol, Nikotin oder Gewürze nennt man auch Auslöser oder Trigger und sie treten immer als zusätzliche Einflussfaktoren auf. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) schreibt zum Thema „Migräne und Ernährung“:

»Es ist auf jeden Fall wichtig, zusammen mit dem Arzt/der Ärztin nach diesen persönlichen Triggerfaktoren zu suchen, damit sie nach Möglichkeit gemieden werden können. Dabei hilft ein Kopfschmerztagebuch.«

Doch es geht nicht darum, alle Zutaten in Nahrungsmittel generell in »gut« und »schlecht« einzuteilen, oder gar generell Nahrungsmittel pauschal zu meiden.

»Es ist nicht sinnvoll, wenn Migräne-Betroffene generell Nahrungsmittel meiden, von denen bekannt ist, dass sie Migräneanfälle provozieren können. Denn Nahrungsmittel spielen nicht bei allen Patient*innen eine Rolle.«

Auch die Leitlinien der Deutschen Neurologischen Gesellschaft sagen in ihrem Kapitel Kopfschmerzen und andere Schmerzen, dass kontrollierte Untersuchungen über diätetische Maßnahmen noch ausstehen und nur sehr vereinzelt erste Hinweise existieren. Die meisten Diäten sind ohne Wirksamkeitsnachweis:

»Zu einigen Methoden liegen offene Studien vor, der Wirksamkeitsnachweis in kontrollierten Studien steht (noch) aus. Eine Arbeit untersuchte in einer Cross-over-Studie den Einfluss diätetischer Maßnahmen auf die Migräne nach vorheriger Bestimmung individueller Nahrungsmittelallergene und konnte signifikante Effekte einer Eliminationsdiät zeigen [2].«

Eine Eliminationsdiät bedeutet, dass man für eine längere Zeit das unter Verdacht stehende Lebensmittel weglässt und es dann irgendwann wieder zu sich nimmt – und währenddessen die Auswirkung des Weglassens (Elimination) und der Wiederaufnahme auf die Migränehäufigkeit und -schwere beobachtet. Dies kann mittels der App M-sense Migräne in der Notizfunktion beobachtet werden.

Ebenfalls kann man über das Tagebuch der Migräne-App die Auswirkungen von ausgelassenen Mahlzeiten beobachten. In den neuen Active-Zielen, einem Goal-Setting Feature, das auf verhaltenstherapeutischen Grundlagen besteht, kannst du in 8-10 Wochen lernen, regelmäßig und gesund zu essen. Denn das ausgelassene Mahlzeiten Migräne-Anfälle auslösen können, ist hinlänglich bekannt.

Ein Kopfschmerztagebuch kann generell dabei helfen, den individuell relevanten Auslösern auf die Spur zu kommen. In unserer Migräne-App M-sense kannst du verschiedene mögliche Auslöser mit Hilfe des integrierten Kopfschmerztagebuches beobachten und so den Einfluss dieser Trigger analysieren. Das heißt nicht, dass man pauschal alle als relevant identifizierte Auslöser vermeiden sollte, sondern das man sich ihnen in Phasen hoher Widerstandskraft gezielt auszusetzen. Dieses sogenannte Triggermanagement hilft dabei, dass vermeintliche Auslöser nicht zu einer self-fulfilling Prophecy werden.

Wenn du die Gesundheits-App M-sense Migräne ausprobieren möchtest, kannst du sie hier herunterladen.

Summa summarum: Eine Einschränkung in der Ernährung ist auch immer eine Einschränkung in der Lebensqualität. Und sei das nur ein Biss in einen Lebkuchen an Weihnachten.

Quellen

[1] Rahimtoola, H., Egberts, A. C. G., Buurma, H., Tijssen, C. C., & Leufkens, H. G. (2001). Reduction in the intensity of abortive migraine drug use during coumarin therapy. Headache: The Journal of Head and Face Pain, 41(8), 768-773.

[2] Martin, P. R., Mackenzie, S., Bandarian-Balooch, S., Brunelli, A., Broadley, S., Reece, J., & Goadsby, P. J. (2014). Enhancing cognitive-behavioural therapy for recurrent headache: design of a randomised controlled trial. BMC neurology, 14(1), 233. (Link, frei einsehrbar)

[3] Alpay, K., Ertaş, M., Orhan, E. K., Üstay, D. K., Lieners, C., & Baykan, B. (2010). Diet restriction in migraine, based on IgG against foods: A clinical double-blind, randomised, cross-over trial. Cephalalgia, 30(7), 829-837.