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Mehrfachdiagnosen bei Migräne – oder: ein Unglück kommt selten allein

Komorbitäten bei Migräne // Illustration: Rahel Süßkind

Miriam Jansen
Miriam Jansen

Miriam musste vor ein paar Jahren wegen chronischer Migräne ihren Beruf als interkulturelle Beraterin & Trainerin aufgeben. In dieser Zeit wurde sie zur Migräne-Expertin. Nun macht sie einen beruflichen Wiedereinstieg und gibt ihr Wissen im M-sense-Blog weiter.

Migräne zählt zu den häufigsten neurologischen Krankheitsbildern unserer Zeit, ist leider hoch stigmatisiert und bleibt dazu noch häufig unerkannt und wird meist unzureichend oder falsch therapiert. Und damit nicht genug, denn getreu dem Sprichwort ‘Ein Unglück kommt selten allein!’ berichten viele Migräne-Betroffene von zusätzlichen Erkrankungen, den sogenannten Doppel- oder Mehrfachdiagnosen oder auch Komorbiditäten.

Komorbiditäten bezeichnen eine oder mehrere diagnostisch abgrenzbare Krankheitsbilder, die zusätzlich zu einer Grunderkrankung (hier: Migräne) vorliegen.1

Bei mir wurden beispielsweise Komorbiditäten wie eine Depression und ein zerebrales Aneurysma (die krankhafte Erweiterung einer Gehirnarterie) diagnostiziert. Und damit reiht sich meine Doppeldiagnose in die vieler Migräne-Betroffenen ein.

Denn Migräniker weisen auf der körperlichen Ebene häufig Gefäßerkrankungen wie Bluthochdruck oder eine koronare Herzerkrankung und chronische Schmerzsyndrome wie z.B. chronische Rückenschmerzen auf. Diese können sowohl mit der Migräne selbst, als auch mit der Einnahme von Schmerzmedikamenten wie z.B. Ibuprofen oder Naproxen zusammenhängen.

Auch psychiatrische Komorbiditäten sind möglich. Dort stehen Depressionen und Angsterkrankungen an erster Stelle.2


Warum sind Komorbiditäten wichtig für meine Migränebehandlung?

Die eigenen Mehrfachdiagnosen zu kennen kann sowohl für die Wahl der Medikamente bei einem akuten Migräneanfall als auch in der medikamentösen Migräneprophylaxe wegweisend sein. Wegen meines Aneurysmas wurde mir beispielsweise geraten, Schmerzmittel wie Ibuprofen und Paracetamol in der Akuttherapie zu meiden und stattdessen Aspirin zu nehmen, da Aspirin laut meinem Neurochirurgen in neueren Studien gefäßstärkende Wirkungen nachgesagt wird. Mein Neurochirurg, der eine Choryphäe auf dem Gebiet ist, forscht gerade in die Richtung und führt aktuell eine große Studie durch.

Im Idealfall können prophylaktisch sogar zwei Erkrankungen mit einem Medikament behandelt werden.

Wenn z.B. neben der Migräne eine Depression vorliegt und sich ein Antidepressivum als eine geeignete und wirksame Migräneprophylaxe erweist, hat man zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Allerdings ist dies nicht immer der Fall, da sich nicht alle Antidepressiva bei Migräne als hilfreich erwiesen haben.

Die Diagnostik und Behandlung komorbider, psychischer Erkrankungen ist wichtig, da sie insbesondere für die Entwicklung chronischer Verläufe oder die Entwicklung eines Medikamentenübergebrauchs einen Risikofaktor darstellen. 3

Leidet man unter Migräne und Bluthochdruck, können Betablocker die Prophylaxe-Medikamente der Wahl sein, denn sie senken den Blutdruck und können Migräneattacken reduzieren.

Aber auch der gegenteilige Fall kann eintreten: Wurden Migräne und Depressionen diagnostiziert, sollten keine Betablocker gegeben werden, da sie den Antrieb mindern und somit eine Depression verstärken können. Diese Handlungsempfehlungen sind jedoch nicht starr zu handhaben.

Ich nehme beispielsweise trotz meiner diagnostizierten Depression Betablocker. Erstens litt ich nie unter einer Depression, die mit Antriebsarmut einherging sondern eher unter einer agitierten Depression – das ist eine sehr aktive Form der Depression, bei der man seine negativen Gefühle unterbewusst mit Aktionismus kompensiert.

Und zweitens würde ich meine Depression nicht mehr als wirklich schwerwiegend bezeichnen, so dass ich mich guten Gewissens zusammen mit meinem Arzt für Betablocker als Migräne-Prophylaxe entschieden habe. Zum Glück habe ich damit (bis auf die Nebenwirkungen) auch gute Erfahrungen gemacht.


Wer hilft bei der Diagnose von Komorbiditäten bei Migräne?

Für die Diagnose deiner Grunderkrankung sowie deiner Komorbiditäten ist zuallererst der Hausarzt zuständig. Psychische Doppeldiagnosen sollten zudem von einem Psychotherapeuten oder Psychiater diagnostiziert werden.

Doch uns allen sollte klar sein: bei der Fülle von Erkrankungen ist es unmöglich, dass ein einziger Mensch über das nötige Spezialwissen für alle existierenden Erkrankungen verfügt. Daher kommt es verständlicherweise immer wieder zu Fehldiagnosen. Kopfschmerz-Patienten wird bspw. vorschnell Migräne diagnostiziert.

Gleichzeitig wird Migräne auch zu oft unterdiagnostiziert! Einem großen Teil der Betroffenen wird leider über viele Jahre gar keine Diagnose gegeben. Migräne-Betroffene werden häufig nicht ernst genommen und mit der Diagnose "Spannungskopfschmerzen" und dem Hinweis "Entspannen Sie sich mal!" oder "Ich verschreib Ihnen mal Physiotherapie!" nach Hause geschickt. Obwohl dies auch bei Migräne hilfreich sein kann, und nicht-medikamentöse Methoden viel zu selten verschrieben werden, kann es für den Patienten doch frustrierend sein. Somit können diese Fehldiagnosen natürlich zu Behandlungsfehlern oder einer ineffektiven Schmerzbehandlung führen.

Wie ihr in meiner Migränegeschichte oder auch in meinem Artikel über Alkohol als Auslöser von Migräne und Kopfschmerzen nachlesen könnt, bin auch ich jahrelang von Arzt zu Arzt gerannt, weil ich dachte, dass ich eine Alkoholallergie entwickelt hätte.

Obwohl ich bereits eine diagnostizierte Migräne hatte, kam niemand darauf, dass sie sich einfach extrem verändert und verschlimmert haben könnte.

Erst als ein Allergologe mich darauf hinwies, dass diese dreitägigen Kopfschmerzen mit Übergeben nach Alkoholkonsum nichts mit einem Kater gemein hätten, sondern auch Migräne sein könnten, fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Deswegen bin ich ungemein dankbar über neuere Entwicklungen wie die App Ada, die medizinisches Wissen mit künstlicher Intelligenz kombiniert. Ada bietet einen Symptom-Check an: Du gibst deine Beschwerden mittels eines Fragenkatalogs ein und erhältst eine Liste mit den wahrscheinlichsten Ursachen für die jeweiligen Symptome - eine persönliche Vorab-Diagnose.

Hinter dem Produkt steckt jahrelange Forschung und inzwischen gibt es weltweit Kooperationen mit Krankenkassen und Gesundheitssystemen.

Somit unterstützt Ada Ärzte dabei, Erkrankungen schneller und zielführender zu diagnostizieren. Gerade bei seltenen Erkrankungen und komplexen Krankheitsbildern kann sie so eine große Hilfe sein. Ich bin mir sicher: Ada hätte die Verschlimmerung meiner Migräne-Symptomatik früher erkannt.

Überaus dankbar bin ich auch über die professionelle Kopfschmerz-Analyse meiner Migräne-App M-sense. Wurde erst mal ein primärer Kopfschmerztyp diagnostiziert, kann sie, wie in meinem Fall, helfen meine beiden diagnostizierten Kopfschmerzarten – Spannungskopfschmerzen und Migräne – voneinander zu unterscheiden. Sie klassifiziert die Schmerzen nach ICHD-3 (der internationalen Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen) anhand eines kleinen Fragenkatalogs automatisch in Migräne oder Spannungskopfschmerzen. Das hilft mir bei der Entscheidung, wie ich den Kopfschmerz behandele.

Zudem zeigt M-sense mir in der Kopfschmerzanalyse welche Muster meine Kopfschmerzen haben: wie häufig sie auftreten, an welchen Tagen, zu welchen Uhrzeiten und wie hoch die Schmerzstärke ist. Mittels des intelligenten Kopfschmerztagebuchs kann M-sense darüber hinaus meine individuellen Auslöser identifizieren und die eingenommenen Medikamente im Blick behalten, was wiederum sinnvoll bei der Vermeidung des sogenannten Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerzes ist.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen meiner Grunderkrankung und den Komorbiditäten?

Einigen Grunderkrankungen und ihren Komorbiditäten können gemeinsame, krankhafte Veränderungen des Körpers zugrunde liegen wie z.B. den beiden Krankheiten Migräne und Depression. Beide Krankheiten können genetisch bedingt sein und haben häufig eine Störung des Serotonin-Stoffwechsels gemein.2

Darüber hinaus können Depressionen und Angsterkrankungen verständlicherweise auch von einer schweren Migräne ausgelöst werden, denn wer unter permanenten chronischen Schmerzen leidet, kann Angst und Panik vor dem nächsten Anfall entwickeln, besonders wenn man keine verlässliche Akutmedikation hat. 5

Ebenso kann eine Depression entstehen, da man neben den chronischen Schmerzzuständen häufig auch Einbußen im beruflichen wie sozialen Umfeld zu verzeichnen hat. Somit bedingt die eine Krankheit die andere.

Auch die regelmäßige Einnahme von Schmerz- oder Prophylaxe-Medikamenten kann zu Begleiterkrankungen führen. Schmerzmedikamente stehen zum Beispiel im Verdacht arteriellen Bluthochdruck zu begünstigen. Auch zwischen den Diagnosen Migräne mit Aura und Schlaganfall besteht eine Verbindung: Mit zunehmender Migräneattackenfrequenz scheint das Schlaganfallrisiko bei Frauen, die unter 45 Jahre alt sind, rauchen und orale Kontrazeptiva (die „Pille") einnehmen, zu steigen. 6

Es ist noch unklar, worauf genau dieser Zusammenhang beruht. Als ein möglicher physiologischer Mechanismus gilt die Streudepolarisierung, ein neurologisches Phänomen, das auch die Migräne-Aura verursacht. Daneben können beide Erkrankungen auch auf einer dritten komorbiden Krankheit oder auf einer genetischen Veranlagung beruhen. Auf jeden Fall ist es wahrscheinlich, dass das Auftreten der einen Krankheit, das Risiko an der anderen zu erkranken, erhöht. 7

Besorger Patient mit Ängsten und Migräne

Im Falle meines Aneurysmas tut sich eine weitere Vermutung auf: Wer chronisch krank ist, wird höchstwahrscheinlich genauer und häufiger untersucht. Und dabei können Krankheiten diagnostiziert werden, die sonst vielleicht für immer unerkannt geblieben wären. So z.B. mein Aneurysma. Ich habe schon von einigen Migräne-Betroffenen gehört, dass sie ebenfalls zur Abklärung ihrer chronischen Migräne ins MRT geschoben wurden und auch mit einem Aneurysma-Befund rauskamen. Dies ist ein sogenannter Zufallsbefund und ist nicht ursächlich für die Migräne.

Hier die häufigsten Doppel- und Mehrfachdiagnosen, die mit Migräne gestellt werden:

  • Arterieller Bluthochdruck
  • Schlaganfall
  • Koronare Herzerkrankung
  • Depressionen
  • Angsterkrankungen
  • Posttraumatische Belastungsstörung
  • Schlafstörungen
  • Chronische Rücken- und Nackenschmerzen
  • Spannungskopfschmerzen
  • Fibromyalgie
  • Schwindel
  • Morbus Menière
  • Tinnitus
  • Epilepsie
  • Restless Legs Syndrom
  • Schilddrüsenerkrankungen
  • Adipositas (Fettleibigkeit)
  • Magen-Darm-Erkrankungen (z.B. Reizdarmsyndrom und Verstopfung)

Migräne & Mehrfachdiagnosen - und was nun?

Fakt ist also, dass Mehrfachdiagnosen für viele Migräniker an der Tagesordnung zu sein scheinen. Deshalb ist es besonders wichtig, darüber mit seinem Hausarzt und Neurologen zu sprechen. Dabei können beispielsweise auch der Arztreport von M-sense und die Pre-Diagnose von Ada helfen, da beide Apps anerkannt Symptome aufschlüsseln und es somit leichter machen, diese vorzutragen und ernst genommen zu werden.

Gerade wenn, wie im Optimalfall oben beschrieben, komorbide Krankheiten mit einem Medikament behandelt werden können, wir also mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen, kann das Wissen über seine Komorbiditäten helfen. Und auch wenn nicht, so hilft die Erkenntnis der komorbiden Faktoren, die hilfreichsten Therapiemethoden für jeden individuellen Patienten auszuwählen.

Leidest du auch an Begleiterkrankungen? Wenn ja, welche? Und hast du Zusammenhänge zwischen deiner Grunderkrankung und deinen Begleiterkrankungen feststellen können? Schreib uns gerne in den Kommentaren über deine Erfahrungen.



1Kaspar, U. 2013: Was bedeutet der Begriff der Komorbidität im Zusammenhang mit der Migräne? https://www.headache.ch/Komorbiditaet_Und_Migraene (Zugriff: 23.10.2019)

2Müller, D. et al 2013. Komorbiditäten der Migräne: praktische Behandlungskonsequenzen. In: Aktuelle Neurologie, Volume 40, Issue 04, 2013, pp. 213-223.

3Bigal, M.E. et al. 2006: Modifiable risk factors for migraine progression. In: Headache: The Journal of Head and Face Pain, Volume 46, Issue 9, pp. 1334-43.; Radat, F. et al. 2005: Psychiatric comorbidity in the evolution from migraine to medication overuse headache. In: Cephalalgia,Volume 25, Issue 7, pp. 519-522.

4https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/krankenkassen/article/976929/ada-tk-doc-app-symptome-einfach-per-app-checken-arzt-besprechen.html

5Prieto Peres, M. F. et al. 2017. Anxiety and depression symptoms and migraine: a symptom-based approach research. In: The Journal of Headache and Pain,Volume 18, Issue 1.

6Schürks, M. et al. 2009: Migraine and cardiovascular disease: systematic review and meta-analysis. In: BMJ, 339: b3914.

7Lee, M.J. et al. 2016: The Migraine-Stroke Connection. In: The Journal of Stroke, Volume 18, Issue 2, pp. 146–156.