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Hilft Digital Detox bei Migräne? Ein Selbstversuch auf der Alm

Selbstportrait von Miriam

Miriam Jansen
Miriam Jansen

Miriam musste vor ein paar Jahren wegen chronischer Migräne ihren Beruf als interkulturelle Beraterin & Trainerin aufgeben. In dieser Zeit wurde sie zur Migräne-Expertin. Nun macht sie einen beruflichen Wiedereinstieg und gibt ihr Wissen im M-sense-Blog weiter.

Ihr kennt mich. Einmal als Bloggerin hier bei M-sense und vielleicht auch, weil ich vor ein paar Tagen erst bei #MigraineFaces mitgemacht habe.

In den kommenden Tagen nehm ich euch mit in meinen Alltag. Ihr dürft quasi eine Meile in meinen Schuhen gehen, und das heißt: den Berg ganz steil hoch.

Damit ihr einmal miterleben könnt, wie es sich auf der Alm mit Migräne lebt, übernehme ich eine Woche lang den Instagram-Account von M-sense! Schaut vorbei und schnuppert ein bisschen virtuelle Bergluft – ich bin zwar noch keine große Instagrammerin, aber ich verspreche euch jetzt schon mal jede Menge Schaf-Content!




Digital Detox: Ein Selbstversuch auf der Alm

»Einer meiner diversen Migräne-Bekämpfungs-Versuche brachte mich auf die Alm zum Schafe hüten.«

Als Migräniker*in ist man eigentlich ständig auf Ursachenforschung und fragt sich, warum Attacken manchmal schlimmer und manchmal besser werden oder was denn nun schon wieder den aktuellen Migräneanfall ausgelöst hat. Eine nervenaufreibende Detektivarbeit, denn die Ursachen der Migräneerkrankung sind bisher unbekannt, und spezifische Gründe für Veränderungen im Krankheitsverlauf gibt es nur sehr selten. Auch ich bin daher ständig auf der Suche nach Antworten und habe viele, unterschiedliche schulmedizinische, aber auch alternative Heilmethoden ausprobiert, um meine Migräne besser in den Griff zu bekommen.

»Zu der Zeit, als ich auf die Alm kam, kreisten viele Fragen in meinem Kopf: Hat vielleicht auch der ganze Elektrosmog und das ständige “Online-Sein” etwas mit der Verschlimmerung meiner Migräne zu tun?«

Was passiert mit meiner Migräne, wenn ich mich mal drei Monate gar nicht mehr mit dem Internet beschäftige, nicht mehr ständig auf Computer-Bildschirme starre und mich in eine Elektrosmog-freie Zone begebe?


Wie mich meine Migräne auf die Alm brachte

Zufällig ergab sich vor drei Jahren die Gelegenheit, mit meinem Freund Takashi einen Sommer lang Schafe auf einer Alm zu hüten. Wir würden in einer Holzhütte auf 2000 m Höhe leben, hätten fließend Wasser aus einem Gebirgsfluss vor der Tür und müssten Holz hoch schleppen, um kochen und heizen zu können.

Unsere Hütte auf der Alm
Unsere Hütte (Am Ende des Tals befindet sich das eine Ende der Alm).


»Zudem lag die Hütte in einem unbewohnten Tal, wo einfach mal wirklich keinerlei Empfang ist. Heißt also: kein Strom und kein Internet! Perfekt um die Auswirkungen der zunehmenden Digitalisierung auf meine Migräne zu untersuchen.«

Lediglich meine täglichen Entspannungsübungen und mein Kopfschmerztagebuch wollte ich meiner App M-sense weiter durchführen, um die Auswirkungen auf meine Migräne festzuhalten.

Mein Freund hatte vor einigen Jahren seinen Job in Japan gekündigt und war als Work and Traveler in Europa unterwegs. Er jobbte auf diversen Bauernhöfen, in Restaurants oder Ski-Resorts. Dies führte ihn auch zu einem ehemaligen Wander-Schafhirten, der nun sesshaft geworden war. Er lernte dort viel über die Schäferei und begann die Arbeit mit den Schafen zu lieben. Da haben wir uns kennengelernt, denn ich war bei der Frau des Schäfers – einer tollen Naturheilkundlerin und Schamanin – wegen meiner Migräne in Behandlung.

Nach zwei Jahren Erfahrung mit Schafen wurde das Angebot an meinen Freund herangetragen, eine Saison lang auf einer Alm circa 1000 Schafe von mehreren Bauern zu hüten. Er fragte mich, ob ich Lust hätte, das mit ihm zusammen zu machen. Begeistert sagte ich zu.

Nach einem üblen Zusammenbruch wegen meiner immer schlimmer werdenden chronischen Migräne bin ich damals nach einer längeren Krankheitsphase nicht mehr zurück in die Stadt zu meinem alten Job gekehrt, sondern habe mein Leben komplett umgekrempelt. Ich habe angefangen im Bus zu leben, mit weniger Geld auszukommen und frei und online oder gegen Kost und Logis zu arbeiten. Daher war es auch mir zeitlich möglich, das Angebot zum Schafehüten spontan anzunehmen.

»Wie so manch Anderer, hatte ich eine etwas romantische “Heidi & Peter”-Vorstellung von der Almarbeit.«

Wir hatten zwar vorab schonmal zusammen auf einem Hof mit mehreren hundert Schafen, Hühnern, Hunden und Katzen gearbeitet, und ich wusste daher wie anstrengend die Stallarbeit sein konnte – aber das Schafe hüten auf der Alm stellte ich mir doch relativ entspannt vor: ich, auf einem Strohhalm kauend, in den wunderschönen Bergen bei Sonnenschein sitzend, umgeben von vielen freundlichen, mähenden Schafen.

Schafe
Schafe!

Mir wurde dann doch etwas anders, als ich anfing mich einzulesen, und Kontakt mit Leuten aufzunehmen, die das bereits gemacht hatten. Von harter körperlicher Arbeit und mindestens 10kg Gewichtsverlust war da die Rede, weil man mit dem Essen gar nicht mehr hinterher kommt. Man müsse sich darauf einstellen, dass man täglich 8 bis 10 Stunden auf den Beinen sei und die Schafe ständig von Nachbaralmen zurückholen müsse.

Wir erfuhren dann auch, dass unsere Hütte etwa 45 Minuten Fußweg von einer bewirtschafteten Hütte entfernt lag. Bis dorthin konnten wir fahren, unser Auto parken und von dort unsere Sachen den Berg zur Hütte hochbringen. Uns wurde immer klarer: Das wird kein Zuckerschlecken. Mir kamen mehr und mehr Zweifel, ob diese Art von Stress das Richtige für meine chronische Migräne mit 20 bis 25 Schmerztagen pro Monat ist. Eine große Hilfe würde ich auf jeden Fall nicht sein.


Mit Migräne auf der Alm

Nun ja, in kurz: Wir haben es trotzdem gemacht.

»Und der digitale Detox ging total unter in all den täglich anfallenden Arbeiten. Denn entgegen der Ansage meines Freundes, ich könnte ja einfach mal Urlaub machen, konnte ich natürlich nicht die Füße still halten. Ich kann einfach nicht Nichts tun.«

Meine Aufgaben bestanden hauptsächlich aus der Zaunkontrolle auf der nahegelegenen Seite der Alm, Holzbeschaffung, Kochen und der Einkauf. Wenn ich Einkaufen ging, lief ich mit leerem Rucksack den Berg runter zur nächstgelegenen bewirtschafteten Hütte, wo unser Auto stand. Dann fuhr ich nochmal eine Stunde bis ins nächste Dorf zum Einkaufen.

Ich versuchte möglichst für 14 Tage einzukaufen, so dass wir nicht so häufig den Berg runter mussten. Dadurch dauerte das Einkaufen aber auch immer relativ lange, denn ich musste ja gut kalkulieren. Dann wieder eine Stunde zurück mit dem Auto und an der bewirtschafteten Hütte auf Takashi warten – denn Kommunikation über den Zeitpunkt meiner Rückkehr war ja nicht möglich.

»Wer Migräne hat weiß: Alles, was den Blutdruck hochtreibt, kann eine Migräne auslösen. Daher wurde der 45-Minuten-Weg rauf zur Hütte mit mehreren Kilos auf dem Rücken zu einem eher 1,5 Stunden-Debakel.«

Aber das war fein. Lieber langsam und gemächlich den Blutdruck unten halten und Schritt für Schritt den steilen Berg hoch. Als altes Nordlicht mit wenig Wandererfahrungen war das ein totales Highlight für mich. Was hab ich gelitten. Und unerfahren wie ich war, hab ich viel zu viele Pausen gemacht. Manchmal hab ich es auch einfach nicht geschafft.

Takashi (in den Bergen aufgewachsen und generell recht sportlich und gesund) war mir immer meilenweit voraus und kam mir dann meist schon wieder entgegen, um auch noch meinen Rucksack den Berg hoch zu tragen. Oben angekommen, waren wir schweißgebadet, aber mal eben duschen ging ja nicht. Sich mit eiskalten Gebirgswasser zu waschen kann allerdings auch sehr erfrischend sein in solchen Momenten.

Der Einkauf dauerte also einen ganzen Tag lang. Und dann war auch schon wieder Holz hacken, Feuer machen und Kochen angesagt, denn wir hatten genug Energie verbraucht um ordentlich Hunger zu haben – und wenn die Sonne untergeht, dann wird es in den Bergen kalt. Man lebt dort oben mit Sonnenauf- und untergang, denn Kerzen sind einfach zu gemütlich, um lange wach zu bleiben.

Schlimm war es für mich zu sehen, dass Takashi häufig körperlich am Ende war, weil er jeden Tag so viel laufen musste und anfänglich ja auch die ganzen Zäune bauen musste. Denn ich bekam trotz des radikalen, digitalen Detoxens auch weiterhin regelmäßig Migräneattacken und konnte dann nicht meine Seite der Alm kontrollieren, nicht kochen (gerade die Hitze am Holzofen war oft unerträglich mit Migräne) und auch einige Male sogar nicht einkaufen. Ich war also wirklich nur eine klitzekleine Hilfe – und dazu leider manchmal auch noch eine Belastung.

"Schafe sind wirklich unglaublich tolle Tiere!"

Wenn es möglich war, hab ich daher auch immer häufiger mit Migräne gearbeitet, bin zumindest mit Sonnenbrille, Sonnenhut oder Regenschirm (als Sonnenschirm, was muss ich lustig ausgesehen haben) schleichend zu meiner Almseite an den Zaun gewandert, um zu gucken, ob Schafe ausgebüxt waren und ob noch Strom auf dem Zaun ist. Dieser kleine Spaziergang beinhaltete zwei extrem krasse Aufstiege und dauerte ohne Migräne circa 1,5 Stunden für einen Weg. Mit Migräne war ich also den ganzen Tag unterwegs.

»Und das Beste war: Wenn Schafe ausgebüxt wären, hätte ich gar nichts tun können. Dafür war ich zu unerfahren – wie holt man denn Schafe zurück? – und zu schwach um noch weiter zu laufen.«

Und SMS oder eine Möglichkeit meinen Freund zu informieren, gab es ja nicht. Ich hätte ihm also am Abend davon berichtet und er wäre am nächsten Tag dorthin gelaufen, um sie zurückzuholen. Und die Schafe hätten noch schön Zeit gehabt, weiter abzuhauen, was für ihn einen noch weiteren Weg bedeutet hätte.

Hilft digitaler Detox bei Migräne?

Mittlerweile sind wir tatsächlich schon im dritten Sommer auf der Alm und ich muss leider sagen, dass die Abwesenheit von Internet und Elektrosmog meiner Migräne keine Abhilfe verschaffen hat und, dass ich keinen Unterschied in der Anfallshäufigkeit und -stärke in der Zeit der Alm verspüre.

Dennoch genieße ich die Zeit in der Natur sehr. Wenn man Feuerholz den Berg hochgeschleppt, es klein gehackt, ein Feuerchen gemacht hat und endlich anfangen kann zu kochen (und sich auch Wasser zum Waschen aufwärmen kann), weiß man wofür man den Berg hochgelaufen ist. Kochen, Duschen, Wäsche mit der Hand waschen – Alltägliches dauert einfach viel länger auf der Alm. Dass man wieder so lebt wie früher, sich aus einer Waschschale wäscht und Holz braucht, um es warm zu haben oder zu kochen, empfinde ich als unglaublich entspannend. Auch, dass die Schafe da sind und mit uns den Sommer verbringen, tut einfach gut. Schafe sind wirklich unglaublich tolle Tiere!

Schaf mit Hut
Täglich grüßt das Schäfchen.

Seit diesem Jahr haben wir sogar dank eines neuen Sendemastes an einem Ort am Fenster in der Hütte Telefon- und sogar gelegentlich Internetempfang. Ehrlich gesagt, sind wir darüber ganz froh, denn wenn wir oben einen Notfall oder eine wichtige Information für die Schafsbauern haben, können wir jetzt jemanden anrufen oder eine Nachricht schicken. Und es ist auch ganz praktisch, das Wetter abrufen zu können – einmal für die Arbeiten hier und andererseits auch, um mit dem Kopfschmerztagebuch von M-sense den Einfluss auf meine Migräne beobachten zu können.

»Und selbst wenn der digitale Detox nicht den gewünschten Erfolg für meine Migräne hatte, hab ich im ersten Sommer eine andere, wesentlich wichtigere Erkenntnis von der Alm mitgenommen: Nämlich, dass mir Bewegung an der frischen Luft sogar im akuten Migräneanfall wider Erwarten helfen kann.«

Das ist natürlich abhängig von der Intensität der Attacke (und sicherlich auch individuell sehr unterschiedlich). Aber wenn sie eher schleichend daherkommt, kann ich sie mit langsamer, bedachter Bewegung in Schach halten. Das bedeutet nicht, dass sie nicht drei Tage bleibt und mir gehörig auf die Nerven geht, aber sie ist und bleibt schwach. Wenn ich mich hinlege, wird es häufig schlimmer. Diese Erkenntnis war sehr wichtig für mich, und hat mir generell sehr geholfen einen besseren Umgang mit meiner Migräne zu finden.

Dazu muss ich allerdings auch sagen, dass ich schon seit einiger Zeit Betablocker als Migräne-Prophylaxe nehme, täglich die M-sense App nutze um zu meditieren und mich regelmäßig bewege – und dadurch meine Anfälle sowieso nicht mehr ganz so stark sind. Vor der Prophylaxe hätte das wahrscheinlich nicht geklappt, sich mit Migräne nach draußen zu begeben. Darüber hinaus denke ich, dass die zunehmende, regelmässige Bewegung an der frischen Luft meiner Migräne sehr geholfen hat und als leichter Ausdauersport gewertet werden kann.

Unsere Alm
Blick von der anderen Almseite der Alm auf die Hütte und die andere Seite der Alm. Die Hütte ist der kleine Punkt in der Mitte des Fotos.
»Im Endeffekt bin ich sehr, sehr glücklich über meine Entwicklung auf der Alm.«

Denn während ich im ersten Sommer noch hauptsächlich in der Hütte lag und mein Freund viele meiner Aufgaben übernehmen musste – und der ereignisreiche Auf- und der Abtrieb der Schafe leider ohne mich stattfinden musste, konnte ich im zweiten Sommer bereits beim Zaunbau helfen, das Einkaufen und die Zaunkontrolle fast alleine übernehmen und sogar mal mit ihm auf seine Almseite laufen.

Das sind für mich nach jahrelanger wirklich schlimmer Migräne tolle Entwicklungen!