Gesundheitliche Ungleichheit: Wenn Minoritäten Migräne haben

Von Gesundheitlicher Ungleichheit sind besonders Minderheiten betroffen. // Illustration von Rahel Süßkind.

Was ist gesundheitliche Ungleichheit eigentlich?

Gesundheitliche Ungleichheit ist der Fakt, dass manche Menschen es schwieriger haben, die richtige und wirksamste Versorgung für ihre Erkrankung zu erhalten, als andere. Manchmal wird dies auch als gesundheitliche Disparität bezeichnet.

Grundsätzlich wird gesundheitliche Ungleichheit also durch Unterschiede in der Qualität der Gesundheit und der Gesundheitsversorgung in verschiedenen Bevölkerungsgruppen definiert. Diese Bevölkerungsgruppen sind meist definiert durch Ethnizität, Geschlecht oder sexueller Orientierung, eine Behinderung oder dem sozioökonomischen Status.

Es gibt viele verschiedene Gründe für gesundheitliche Ungleichheit: Vielleicht liegt es an fehlendem Vertrauen zum behandelnden Arzt aufgrund von schlechten Erfahrungen in der Familie oder Gesellschaftsgruppe, vielleicht stimmt die Kommunikation nicht, oder ist durch Sprachbarrieren oder kulturelles Unverständnis erschwert.

Minderheiten werden diskriminiert – das ist keine große Offenbarung sondern eine Realität unseres gesellschaftlichen Systems. Und diese Diskriminierung äußert sich im Gesundheitssystem nicht anders als sonstwo.

Gesundheitliche Ungleichheit bei Migräne

Stigmatisierung von Migräne-Betroffenen

“Wegen dem bisschen Kopfweh musst du doch nicht gleich zum Arzt rennen!”

Diesen Satz hören Migräne-Betroffene ziemlich häufig.

Denn trotz wachsender Aufmerksamkeitsarbeit werden Kopfschmerzerkrankungen immer noch nicht überall ernst genommen. Und wie auch: Der/die durchschnittliche MedizinstudentIn verbringt nur 4 Stunden ihres Studiums mit Kopfschmerzerkrankungen. Und das obwohl fast ein Drittel der Weltbevölkerung unter Kopfschmerzen leidet, und fast 4% mehr als 15 Kopfschmerztage im Monat haben, was chronischen Kopfschmerzen entspricht.1

Dennoch: Überhaupt eine Diagnose für Migräne oder Spannungskopfschmerzen zu bekommen ist schwierig genug, eine Überweisung zum Neurologen oder Kopfschmerzspezialisten zu bekommen, und einen Termin zu erwischen? Nochmal eine Stufe schwieriger.

Viele Betroffene versuchen das erst garnicht, und behandeln ihre Migräne-Anfälle deswegen mit Schmerzmedikamenten, die sie rezeptfrei erstehen können. Dass dies nicht unbedingt die effektivste Art der Therapie ist, und es spezifische Mittel und auch nicht-medikamentöse Ansätze zur Therapie von Migräne gibt, wissen viele nicht. Das ist aber auch nicht ihre Schuld: Es fehlt an Aufklärung.


Prophylaxe-Medikamente bei Migräne – ein Überblick
Prophylaxe-Medikamente bei Migräne – ein Überblick: Jeder Migräniker ist anders - deswegen wird in der Behandlung oft einiges ausprobiert. Es gibt zum Beispiel verschiedene Medikamente, mit denen man Migräne vorbeugend behandeln kann!

Wenn Migräne also insgesamt unterdiagnostiziert und unterbehandelt ist, und es in unserer Gesellschaft Gruppen von Menschen gibt, die zum Beispiel aufgrund von Migrationshintergrund, Sprachbarrieren, Nachnamen oder Hautfarbe nicht denselben Zugang zu Versorgung haben wie andere, dann müssen wir Schnittmenge davon betrachten.

Wie geht es Minderheiten mit Migräne?

In Deutschland ist die epidemiologische Forschung in Hinblick auf gesellschaftliche Hintergründe wie Ethnie und soziodemographischen Hintergrund noch in den Kinderschuhen. Die TAZ beleuchtet dies in Hinblick auf die Corona-Krise in ihrem Artikel “Das Virus ist nicht egalitär”.2

»Zahlen, welche über Diskriminierung Aufschluss geben könnten, gibt es nicht. Anders als in den USA werden in Deutschland Gesundheitsdaten nicht nach Hautfarbe oder Ethnizität kategorisiert. Die einzige Unterteilung im deutschen Gesundheitssystem, die dem nahekommt, ist die nach dem Migrationshintergrund.«

Und klar: In Deutschland nach der Ethnie zu fragen, ist auch rein historisch einfach nicht okay. Diese Art der Information ist vorsichtig zu behandeln, sensibel und schwierig einzuordnen, ohne in bekannte Schema zu verfallen und trotz guter Vorsätze alles noch ein bisschen rassistischer zu machen.

Und trotzdem können wir nicht lösen was wir nicht wissen, und so bleibt nur der Blick auf die Daten von Ländern, in denen die Dinge anders gehandhabt werden als bei uns. Denn aus diesen können wir extrapolieren, und so Schlüsse ziehen, die auch für Deutschland Sinn bringend sind.

Und dies wird in Deutschland schon angegangen.

Das Institut für Menschenrechte zum Beispiel setzt sich für die Gleichberechtigung von Minderheiten im Gesundheitswesen ein. So wird in ihrem Parallelbericht “Rassistische Diskriminierung in Deutschland: Erscheinungsformen und menschenrechtliche Verpflichtungen zum Schutz vor rassistischer Diskriminierung” auch die Schwierigkeit des interkulturellen Austauschs im Patientengespräch beleuchtet:

»Allein aufgrund des Klangs eines Namens werden Annahmen bezüglich des Verhaltens, der Ursache der Beschwerden und Kausalitäten getroffen. Aus einer Vielzahl diskriminierender Handlungen seien die Folgenden beispielhaft herausgegriffen: Die unbegründete Vorannahme der Aggravation, also der übertriebenen und unsachlichen Selbstdiagnose bei People of Color [...] Während es im Zusammenhang mit Berufsbewerbungen Studien gibt, die eine Ungleichbehandlung aufgrund des Namens belegen, fehlt eine solche systematische Untersuchung zu den Auswirkungen rassistischer Zuschreibungen in Bezug auf PatientInnennamen im Gesundheitssystem bisher.« - Fortuna Ghebremeksel3

Es fehlen, laut Ilhan Ilkilic, oftmals “interkulturelle Kompetenz und die darin enthaltenen Fähigkeiten, wie Kulturwissen, kultursensible Kommunikation, Vermeidung von Stereotypisierung, Selbstreflexion, kritische Toleranz, [welche] bei der Überwindung der kulturellen Barrieren sowie bei der Lösung der kulturell geprägten ethischen Probleme einen wichtigen Beitrag leisten [können.]”4

Kurz gesagt: Die Kommunikation zwischen Patienten und Ärzten ist gestört, nicht nur durch kulturelle oder sprachliche Barrieren, sondern auch durch bewusste und unbewusste Vorurteile gegenüber der Minderheit.

Im Falle von Schwarzen Deutschen scheint dies besonders oft ärztliches Misstrauen gegenüber der Selbstreflektion des Patienten zu sein. Dies ist bei Krankheiten wie Migräne schwerwiegend, da die Erstanamnese und Diagnose meist allein auf Basis der Beschreibung von Symptomen und Schmerzen durch den Betroffenen beruhen. Bei solchen Problemen kann ein Kopfschmerztagebuch helfen, da es eine datenbasierte Auswertung ermöglicht, die nicht zu so einfach zu ignorieren oder minimieren ist.


Not Just A Headache – Bekannte und unbekannte Symptome von Migräne
Not Just A Headache – Bekannte und unbekannte Symptome von Migräne: Migräne ist eine hochindividuelle Krankheit – jeder hat andere Auslöser, jeder hat andere Schmerzen. Aber nicht nur das, neben Kopfschmerzen gibt es viele verschiedene andere Symptome, die die meisten Menschen gar nicht kennen.


Da es keine relevanten Studien zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum gibt, wollen wir uns einen kleinen Abstecher in die USA erlauben. Denn obwohl das Gesundheitssystem der USA ein anderes ist als das deutsche, und dort Ungleichheiten ausgeprägter erscheinen, können US-amerikanische Studien durch datengetriebene Analyse bekräftigen, was deutsche Wissenschaftler schon vermuten.

Minderheiten und Migräne in den USA

Black women particularly are prone, for whatever reason, to migraine headaches. They are, however, the last people to get treatment, to go out and seek help for migraines, and I think that's probably, you know, something that's maybe a little bit cultural or, you know, we feel we have to be tough and strong and can't afford to lose work, and all sorts of issues kind of tumble into that, but for whatever reason, black women are the last to get treatment, and I really hope that changes. It doesn't have to be. You don't have to, you know, literally be shut off in a dark room. - Pam Oliver, NPR5

In einem Interview mit NPR erklärt Pam Oliver, eine Sport-Redakteurin, wie sie sich teils zwingen muss, trotz Migräne während der Arbeit am Ball zu bleiben. Und wieviel Zeit es sie gekostet hat, herauszufinden was ihre Schmerzen sind - und wie sie sie bewältigen kann. Doch Unwissen allein ist nicht ihre Hürde.

Stattdessen identifiziert sie das eigene Zögern als Knackpunkt. Statt Kontrolle über ihre Kopfschmerzen zu ergreifen und sich Hilfe zu holen und zum Arzt zu gehen, um Therapiemaßnamen und Medikamente einzufordern, hat sie versucht es auszuharren.

Warum gerade afroamerikanische Frauen lange warten, bevor sie zum Arzt gehen, weiß Pam Oliver nicht genau, doch sie vermutet kulturelle Gründe. Studien über die gesundheitliche Ungleichheit in den USA geben ihr Recht.

Gesundheitliche Ungleichheit bei Migräne
Da es schwierig ist, in einem Artikel die ganze Bandbreite an Minoritäten zu betrachten, konzentriert sich der folgende Teil nur auf Studien, die AfroamerikanerInnen mit Migräne betrachten. Zu diesem Thema gibt es auch in den USA eine recht kleine Anzahl an Studien, und einige wenige Paper, die einen Überblick und eine Auswertung dieser darstellen.

Zwei davon, “Headache in African Americans: An Overlooked Disparity” von Bernadette Heckmann6; und “The Prevalence, Burden, and Treatment of Severe, Frequent, and Migraine Headaches in US Minority Populations: Statistics From National Survey Studies” von Stephen Loder, et.al7sind deswegen grundlegend für diesen Artikel.

Psychologin Bernadette Davantes Heckmann stellt fest, dass afroamerikanische im Vergleich zu weißen KopfschmerzpatientInnen häufigere und stärkere Kopfschmerzen melden. Ebenso werden die Kopfschmerzen von AfroamerikanerInnen weniger oft diagnostiziert und seltener ausreichend behandelt.6

Zudem ist ihre Therapietreue in den USA oft geringer als die von weißen Patienten: AfroamerikanerInnen brechen eine Therapie mit höherer Wahrscheinlichkeit ab, unabhängig von ihrem sozioökonomischen Status. Bernadette Heckmann schließt daraus, dass gesundheitliche Ungleichheit aufgrund ihrer Hautfarbe Grund dafür ist.6

Loder et.al. kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Sie stellen fest, dass AfroamerikanerInnen nicht die höchste Häufigkeitsrate unter den Minderheiten der USA haben. Aber die Unterschiede in Diagnose und Behandlung von Kopfschmerzerkrankungen und Migräne führen Loder et.al auf Ungleichheiten aufgrund von Rassismus zurück.7

Diese Ungleichheit im Gesundheitssystem drückt sich in subtiler Art aus: Für afroamerikanische Kopfschmerz-Betroffene besteht eine signifikant geringere Wahrscheinlichkeit, Akutmedikation wie Ibuprofen verschrieben zu bekommen.6 Bei Prophylaxe-Präparaten, die meist keine Schmerzmittel sind, besteht diese Diskrepanz nicht. Sie ist demnach auf ein fehlendes Vertrauen zurückzuführen, dass diese Art der Schmerzmedikation nicht missbraucht wird.6

Auch bei Besuchen in der Notfallaufnahme stellt sich eine Ungleichheit dar: Bernadette Heckmann stellt fest, dass die Anzahl von AfroamerikanerInnen, die bei Aufnahme mit Kopfschmerzen eine Computertomographie erhält, geringer ist, als die von Weißen.6

Diese Ungleichheiten müssen identifiziert und ihnen muss beigelegt werden. Selbst in den USA ist die Studienlage hierzu nicht ausreichend, und nicht tief gehend genug, um wahren Wandel zu erreichen.

Auch in Deutschland braucht es Studien, die gesundheitliche Ungleichheit untersuchen und die Lücken und Ungerechtigkeiten in unserem Gesundheitssystem aufdecken. Doch ein guter erster Schritt ist überhaupt zu lernen, dass es diese gibt.


Falls ihr euch engagieren oder spenden wollt, schaut euch die folgenden Organisationen an:

  1. Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD Bund e.V.)
  2. Alliance for Headache Advocacy
  3. Black Women's Health Imperative
Gesundheitliche Ungleichheit bei Migräne

Quellen:

1 World Health Organisation, “Kopfschmerzen verbreitet, aber vernachlässigt.” In: euro.who, 09.05.2011. Date of Access: 05.06.2020.

2 Matej Snethlage, “Der Virus ist nicht egalitär.” In: TAZ.de, 05.05.2020. Date of Access: 05.06.2020.

3 Aikins, J.K. et al 2015. “Rassistische Diskriminierung in Deutschland Erscheinungsformen und menschenrechtliche Verpflichtungen zum Schutz vor rassistischer Diskriminierung.” In: Parallelbericht an den UN-Antirassismusausschuss zum 19. – 22. Bericht der Bundesrepublik Deutschland nach Artikel 9 des Internationalen Übereinkommens zur Beseitigung jeder Form von rassistischer Diskriminierung.

4 Ilkilic, Ilhan 2010. “Medizinethische Aspekte des interkulturellen Arzt-Patienten-Verhältnisses.” In: Tagungsdokumentation: Migration und Gesundheit – Kulturelle Vielfalt als Herausforderung für die medizinische Versorgung. Deutscher Ethikrat. pp.29-40.

5 Chideya, Farai. “Migraine Treatment, Prevention in Black Women.” In: npr.org, 28.02.2008. Date of Access: 05.06.2020.

6 Heckmann, Bernadette Davantes, et al 2015. “Headache in African Americans: An Overlooked Disparity.” In: Journal of the National Medical Association, Vol: 107, No 2, pp.39-45.

7. Loder, Stephen, et al 2015 “The Prevalence, Burden, and Treatment of Severe, Frequent, and Migraine Headaches in US Minority Populations: Statistics From National Survey Studies.” In: American Headache Society, Wiley Periodicals Inc. pp.214-229.

Carol Kacperski
Carol Kacperski

Carol ist Teil des Marketing-Teams von M-sense. Als Literatur- und Kulturwissenschaftlerinhat sie ein Talent dafür, die Dinge charmant auf den Punkt zu bringen. Bei M-sense liebt sie das posten, sharen und vor allem das Gefühl, etwas Sinnvolles zu bewegen.

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