Fragen und Antworten zu Migräne und der Covid-19-Impfung

Viele Migräniker*innen machen sich Gedanken ob sie sich impfen lassen sollen. Die American Migraine Foundation hat die wichtigsten Fragen zur Covid-19-Impfung in Zusammenhang mit Migräne beantwortet und Miriam hat sie für euch zusammengefasst.
Miriam Jansen
Miriam Jansen
Miriam bloggt für M-sense. Sie musste wegen chronischer Migräne ihren Beruf als interkulturelle Beraterin & Trainerin aufgeben - und wurde in dieser Zeit zur Migräne-Expertin. Nun macht sie einen beruflichen Wiedereinstieg und gibt ihr Wissen im M-sense-Blog weiter.
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Biontech/Pfizer und Moderna: Diese zwei Impfstoffe werden aktuell in Deutschland geimpft. Bis vor kurzem wurde auch Astra-Zeneca genutzt; doch Covid-19-Impfung mit diesem Stoff wurden vor kurzem pausiert. Weitere Impfstoffe befinden sich in der Entwicklung und könnten demnächst die Zulassung erhalten. 

Impfstoffe haben jedoch nur das Potenzial, die Pandemie zu beenden, wenn genügend Menschen geimpft werden und wir eine sogenannte Herdenimmunität erlangen. Daher halten wir von M-sense Migräne es für wichtig über Zusammenhänge zwischen der Impfung und Migräne aufzuklären und etwaige Zweifel zu beseitigen.

Viele Migräniker*innen reagieren verständlicherweise empfindlich, wenn sie nur das Wort Kopfschmerz hören. Und da im Zusammenhang mit den Impfreaktionen Kopfschmerzen immer wieder erwähnt werden, fragen sich viele Migräne-Betroffene zu recht, inwiefern eine Impfung Auswirkungen auf ihre Migräne haben kann und ob die Impfung sich mit den von ihnen eingenommenen Akut- oder Prophylaxe-Medikamenten wie z.B. die CGRP-Antikörper verträgt. Sind Wechselwirkungen zwischen den Corona-Impfstoffen und Akut- oder Prophylaxe-Medikamenten bekannt?

Die American Migraine Foundation hat die am häufigsten gestellten Fragen in diesem Zusammenhang beantwortet und ich habe sie hier für dich zusammengefasst:

1. Kann ich durch den Impfstoff COVID-19 bekommen?

Nein, denn COVID-19-Impfstoffe enthalten keine lebenden Viren und können somit die Krankheit nicht hervorrufen. Diese Impfstoffe enthalten Virus-Material (RNA), welches die Zellen in unserem Körper anweist, harmlose Kopien des Virusproteins herzustellen. Unser Körper erkennt, dass das Protein dort nicht hingehört, und bildet Antikörper und Immunzellen dagegen. Somit ist er gewappnet für den Fall, dass er tatsächlich mit dem COVID-19-Virus infiziert wird und kann die dann eintretenden Viren erfolgreich abwehren.

2. Ich habe gehört, dass viele Menschen nach der Impfung Nebenwirkungen wie grippeähnliche Symptome entwickeln. Sollte ich mich lieber nicht impfen lassen, da ich bereits häufig unter Kopfschmerzen & Migräne leide?

Es ist richtig, dass bei einer Impfung Nebenwirkungen auftreten können. Dabei handelt es sich jedoch größtenteils um ganz normale Impfreaktionen wie Schmerzen an der Injektionsstelle, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Fieber und Schüttelfrost. Diese Symptome spiegeln die anfängliche Immunantwort des Körpers auf den Impfstoff wider. Der Körper tut also was er soll, wenn er so reagiert: Er bildet Antikörper! Bei den meisten Menschen fallen diese Symptome jedoch mild aus und dauern in der Regel nur ein oder zwei Tage an. 

Vergleicht man die Impfreaktionen mit einer COVID-19-Infektion, sind sie nur von kurzer Dauer und harmlos. Eine COVID-19-Infektion kann jedoch lebensgefährlich verlaufen und selbst wenn sie harmlos verläuft, können laut neueren Erkenntnissen anhaltende, langfristige Organschäden davongetragen werden (auch als Long-COVID bezeichnet). Daher sind meines Erachtens die Impfreaktionen auf eine Impfung der Krankheit immer vorzuziehen. Entscheiden muss das jedoch jeder selber!

3. Ich habe gehört, dass die zweite Dosis des Impfstoffs teilweise stärkere Nebenwirkungen verursacht als die erste. Wenn ich von der ersten Dosis Kopfschmerzen bekomme, sollte ich dann die zweite Dosis auslassen oder verschieben?

Alle drei aktuell in Deutschland zugelassenen Impfstoffe erfordern zwei Dosen, um eine optimale Immunität und einen Schutz gegen eine COVID-19-Infektion zu erreichen. Erhältst du nur eine Impfung oder verschiebst du die zweite Impfung über den empfohlenen Zeitplan hinaus, bist du nicht vollständig geschützt. 

Denk daran, dass die Kopfschmerzen nur von kurzer Dauer und leicht sind. Gerade wir Migräniker*innen sind viel Schlimmeres gewöhnt. 

Ich habe bereits beide Biontech/Pfizer-Impfungen hinter mir und hatte nach der ersten Injektion leichte Kopfschmerzen. Sicherlich war das unangenehm! Aber als alter Hase im Kopfschmerz-Business fand ich diese Form von Kopfschmerzen wirklich gut zu ertragen.

Zudem sind die Impfreaktionen ein kleiner Preis, wenn man bedenkt, dass COVID-19 tödlich verlaufen oder zu langfristiger Behinderung führen kann.

4. Ich bekomme regelmäßig Injektionen eines monoklonalen CGRP-Antikörpers (Aimovig®, Emgality®, Ajovy®) um Migräne-Anfällen vorzubeugen. Wird der Impfstoff die Wirkung dieser Medikamente blockieren oder können diese Medikamente verhindern, dass der Impfstoff mich vor COVID-19 schützt?

In den klinischen Studien zum Impfstoff durften die Teilnehmer*innen innerhalb von zwei Wochen vor oder nach der Verabreichung des COVID-Impfstoffs keine anderen Impfstoffe erhalten. Wechselwirkungen mit den monoklonalen CGRP-Antikörper-Behandlungen bei chronischer Migräne wurden daher nicht untersucht. 

Einige Wissenschaftler vermuten, dass ein theoretisches Risiko besteht, dass die Immunantwort auf den Impfstoff die Wirkung des CGRP-Antikörpers abschwächen könnte. Dafür gibt es aber derzeit keine direkten Nachweise. Daher sollten Patient*innen den Zeitpunkt der CGRP-Injektionen vor und nach der Impfung mit ihren Ärzt*innen besprechen.

Wer aktiv in Behandlung ist, sollte den Zeitpunkt seiner Covid-19-Impfung mit der/dem behandelnden Ärzt*in absprechen, um mögliche Komplikationen im vornherein auszuschließen und den best möglichen Impfschutz zu bekommen!
Wer aktiv in Behandlung ist, sollte den Zeitpunkt seiner Covid-19-Impfung mit der/dem behandelnden Ärzt*in absprechen, um mögliche Komplikationen im vornherein auszuschließen und den best möglichen Impfschutz zu bekommen!

5. Ich habe Botox®-Injektionen zur Behandlung meiner chronischen Migräne erhalten. Gibt es Wechselwirkungen mit der COVID-19-Impfung?

Botox-Spezialist*innen vermuten auch hier, dass der Impfstoff die Wirksamkeit von Botox® möglicherweise abschwächen könnte. Hierfür gibt es jedoch derzeit keine direkten Nachweise. Daher sollten auch hier Patient*innen den Zeitpunkt der Botox®-Injektionen mit ihren Ärzt*innen besprechen.

Bei beiden Behandlungsmethoden würde ich jedoch denken, dass eine vorübergehende Abschwächung der Wirkung der Medikamente immer noch besser als eine COVID-19-Erkrankung ist.

6. Darf ich die als Impfreaktion auftretenden Kopfschmerzen mit Medikamenten behandeln?

Treten Kopfschmerzen als Teil der Impfreaktion auf, wird davon abgeraten vor oder innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Impfung rezeptfreie Medikamente wie Paracetamol, Ibuprofen oder Aspirin einzunehmen. Diese Medikamente können die Immunreaktion auf den Impfstoff verringern. Am besten besprichst du dich im Einzelfall mit deinem/r Ärzt*in oder versuchst alternative, nicht-medikamentöse Maßnahmen anzuwenden.

7. Ich soll nächste Woche meine erste COVID-19-Impfung erhalten und mache mir Sorgen, dass ich später am Abend Migräne bekommen könnte. Darf ich die Migräne mit meinen üblichen Medikamenten behandeln?

Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass migränespezifische Medikamente wie Triptane, Ditane oder Gepants die Wirksamkeit des Impfstoffs verringern würden. Diese Kombination ist jedoch aktuell noch nicht untersucht worden. 

Wie bereits oben erwähnt wird davon abgeraten, rezeptfreie Medikamente wie Paracetamol, Aspirin oder Ibuprofen vor oder innerhalb von 24 Stunden nach der Impfung einzunehmen, da diese Medikamente die Immunantwort auf den Impfstoff verringern können. 

Ich würde daher empfehlen, die Migräne auszuhalten und alternativ zu behandeln, wenn es möglich ist oder sich vorab mit deinem/r Ärzt*in zu besprechen. 

8. Ich habe gehört, dass manche Menschen, die COVID-19 bekommen, lang anhaltende Kopfschmerzen entwickeln, die auf keine Behandlung ansprechen. Kann der Impfstoff das auch bei mir verursachen?

Kopfschmerzen sind ein häufiges Symptom von COVID-19-Infektionen, und bei manchen Menschen können die Kopfschmerzen auch nach Abklingen der Krankheit anhalten. Dies ist nicht überraschend, da auch andere Infektionskrankheiten Kopfschmerzen verursachen können, die noch lange nach dem Abklingen der Infektion anhalten. 

Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft klassifiziert diese Kopfschmerzen als chronische Kopfschmerzen, die auf eine bakterielle, virale oder andere systemische Infektion zurückzuführen sind. 

Der Impfstoff kann nicht dazu führen, dass du eine COVID-19-Infektion entwickelst, und wenn du dich nicht impfen lässt, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, an COVID-19 zu erkranken logischerweise. Und somit eben auch die Möglichkeit, anhaltende Kopfschmerzen und andere Komplikationen zu entwickeln.

Fazit

Keiner kann dir die Entscheidung abnehmen, ob du dich impfen lässt oder nicht. Migräne und evtl. eingenommene Akut- oder Prophylaxe-Medikamente sprechen auf jeden Fall nicht gegen eine Impfung.

Eins sollte uns jedoch klar sein: Je mehr Leute sich impfen lassen, desto eher erreichen wir die sogenannte Herdenimmunität und haben die Chance wieder einen Alltag mit Treffen mit Freunden, zur Arbeit, Uni oder Schule gehen, Indoor-Sport, Konzerten, Partys, Reisen etc. zu leben. 

Da ich eine Krankenschwester-Ausbildung habe und meine chronische Migräne gerade auf dem Rückmarsch ist (meine Migräne-Geschichte kannst du hier nachlesen), arbeite ich seit Januar als Aushilfe im Impfzentrum Hamburg. Ursprünglich wollte ich auch noch etwas warten mit der Impfung bis man mehr über Wechselwirkungen mit Migräne, Akut-Medikamenten und Prophylaxe-Medikamenten weiß. Aber an meinem ersten Tag hatte ich so viele zwischenmenschliche Kontakte wie im ganzen letzten Jahr nicht und habe mich sofort nach meinem ersten Dienst freiwillig impfen lassen. 

Denn auch uns medizinischen Mitarbeiter*innen wurde die Wahl gelassen. Wir werden zwar alle vier Tage getestet, aber impfen lassen muss sich keiner, wenn er oder sie nicht will.

Migräne ist eine lebensverändernde und behindernde Krankheit aber COVID-19 kann sogar lebensbedrohlich sein und mit Langzeitschäden einhergehen. Daher sollten wir alle zusammenhalten, um so schnell wie möglich die Herdenimmunität zu erreichen, um wieder so etwas wie einen Alltag leben zu können. 

Quellen

American Migraine foundation (2021): „Questions About the COVID-19 Vaccines for People Living with Migraine“ In: https://americanmigrainefoundation.org/resource-library/questions-about-the-covid-19-vaccines-for-people-living-with-migraine/ (Letzter Zugang 19.02.2021)

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