Digitale Nomaden - trotz Migräne überall leben und arbeiten

Als sich die Migräne unserer Autorin Miriam chronifizierte und so schlimm wurde, dass sie nicht mehr arbeiten konnte, entschied sie sich für einen radikalen Lebenswandel. Sie kaufte sich einen Bus, verließ die Stadt und fing an zu reisen - vornehmlich in sehr abgelegene Gebiete, umgeben von Natur.

Bei einem ihrer diversen Heilungsversuche bei einer Schamanin in Österreich lernte sie ihren japanischen Freund kennen. Seitdem hüten die beiden im Sommer Schafe auf der Alm und leben und arbeiten im Winter als digitale Nomaden im Bus. Digitale Nomaden sind Arbeitnehmer oder Selbstständige, die lediglich einen Laptop und das Internet zum Arbeiten benötigen und daher ortsungebunden sind. Quasi ein mobil gewordenes Home-Office.

Aber wie gestaltet sich so ein Leben für jemanden, der an chronischer Migräne erkrankt ist? Wir von M-sense haben Miriam ein paar Fragen dazu gestellt:


Wie wirkt sich euer Leben als digitale Nomaden auf deine Migräne aus?

Die vielen Ortswechsel oder das Reisen an sich haben eigentlich kaum einen Einfluss auf meine Migräne. Manchmal gibt es einen Trigger mehr wie z.B. die Überwindung des Höhenunterschieds auf der Alm. Wenn ich unten ins Tal fahre zum Einkaufen und dann wieder rauf geh auf die Hütte, muss ich 1000 Höhenmeter an einem Tag überwinden. Das kann schon mal ne Migräne auslösen. Andererseits fallen viele Trigger auf der Alm weg wie z.B. auslösende Gerüche wie Parfüms und Nikotin oder auch der Grossstadt-Stress.

Und auch im Winter im Bus merke ich eigentlich kaum Unterschiede. Allerdings hatte ich am Anfang meine Zweifel, ob es eine gute Idee ist, ohne Rückzugsmöglichkeit unterwegs zu sein. Aber tatsächlich funktioniert auch das ganz gut. Erstens lässt sich der Bus super abdunkeln und da wir nicht im Sommer unterwegs sind, ist es auch immer kühl genug (denn Hitze kann ich im Anfall gar nicht gut gebrauchen). Mein Freund kümmert sich eh immer rührend um mich, daher kann ich den sehr gut um mich haben, wenn ich Migräne habe. Das Einzige, was mir fehlt, ist der Kühlpad, da wir keinen Gefrierschrank haben. Aber ein nasser Waschlappen ist ein guter Ersatz.

Ich sehe keinen Grund, warum man sich das Reisen verbieten sollte. Ob ich nun zuhause leide oder woanders. Solange ich eine Rückzugsmöglichkeit, ein Bett im Dunklen und Stillen und natürlich meine Medikamente habe, bin ich versorgt. Genauso wie zuhause.

Allerdings hatte ich ja auch eine Phase, in der ich ständig den Notarzt rufen musste, weil ich die Kopfschmerzen und die anderen Migräne-Symptome ohne Spritzen nicht mehr in den Griff bekam. Da hätte ich auf jeden Fall nicht reisen wollen. Aber diese Zeit ist ja zum Glück vorbei!


Miriam auf der Alm!
Hilft Digital Detox bei Migräne? Ein Selbstversuch auf der Alm: "Was passiert mit meiner Migräne, wenn ich mich mal drei Monate gar nicht mehr mit dem Internet beschäftige, nicht mehr ständig auf Computer-Bildschirme starre und mich in eine Elektrosmog-freie Zone begebe?"

Was ich schwierig fand, war meine lange Flugreise nach Japan Anfang diesen Jahres. Da mein Freund Japaner ist und wir mittlerweile seit drei Jahren zusammen sind, wurde es Zeit, dass auch ich endlich mal sein Land, seine Kultur und vor allen Dingen seine Familie und Freunde kennenlernte. Ich plante die gesamten drei Monate, die mir mit einem Touristenvisum erlaubt sind, dort zu bleiben um auch noch ein wenig mit ihm reisen zu können. Das hieß Planung bezüglich der Medikamente und des langen Fluges.

Ich hatte ehrlich gesagt wirklich etwas Angst vor den Auswirkungen der Zeitverschiebung von sieben Stunden auf meinen Schlaf-Wach-Rhythmus und den Unregelmäßigkeiten, die so ein langer Flug in eine andere Zeitzone mit sich bringt. Aber siehe da: Tatsächlich hatte ich um den Flug herum ungewöhnlicherweise gar keine Migräne. Das beweist mal wieder: Triggervermeidung kann helfen, aber manchmal ist ein flexibler und nicht ganz so konsequenter Umgang mit seinen Triggern und ein erneutes Testen seiner Trigger, Stichwort Triggermanagement, eben doch ganz sinnvoll.

Wie regelst du das mit den Migräne-Medikamenten, wenn du solange unterwegs bist?

Mein Arzt ist da sehr kooperativ und verständnisvoll. Ich bekomme eh immer größere Packungen damit ich nicht so häufig kommen muss. Denn er weiß, dass ich eine Zeit lang von Arzt zu Arzt gerannt bin und mittlerweile nicht mehr so ein Fan von Arztbesuchen bin. Aber klar, das ist eine Herausforderung und erfordert vor allen Dingen ein bisschen Rechnerei. In meinem Fall brauch ich immer ausreichend Prophylaxe-Medikamente (Beta-Blocker, Magnesium, Vitamin B2 und Q10) und darüber hinaus natürlich diverse Akut-Medikamente. Denn ich wechsel meine Schmerzmedikamente immer ab um die Organe zu schonen.

Während man Aspirin in jedem europäischen Land freiverkäuflich bekommt, sind Triptane und andere rezeptpflichtige Medikamente natürlich schwerer zu besorgen, und da ich auf gar keinen Fall leer dastehen möchte, berechne ich immer großzügig und bespreche es mit meinem Hausarzt. In Europa gilt allerdings die europäische Krankenkassenkarte, die in jeder Kassenkarte integriert ist. Damit kann man also auch vor Ort zum Arzt gehen und sich die Medikamente verschreiben lassen. Eine Bestätigung auf Englisch, dass man unter chronischer Migräne leidet und diese Medikamente regelmäßig verschrieben bekommt, kann da sicherlich helfen.

Gab es schon mal Probleme an den Grenzen mit den Medikamenten?

Bis jetzt gab es da wirklich noch nie Probleme. Nur bei meinem Flug nach Japan war ich etwas aufgeregt. Zu dem Zeitpunkt hab ich Magnesiumcitrat in Pulverform zu mir genommen und wollte da auch kein Risiko eingehen es in Japan nicht zu bekommen. Ich hatte also eine große Tüte weißen Pulvers dabei und darüber hinaus natürlich noch diverse andere Medikamente für die gesamten drei Monate.

Ich hab mir wirklich Sorgen gemacht, dass sie mein Gepäck durchsuchen und mir eventuell sogar die Medikamente abnehmen würden. Aber es ist rein gar nichts passiert. Aber wie man das verhindern kann, weiß ich auch nicht. Es kann sicherlich helfen auch hier eine schriftliche ärztliche Bestätigung mit Diagnosen und Medikation auf Englisch dabei zu haben. Ich trage sie zumindest immer bei mir, musste sie aber noch nie vorzeigen.


Prophylaxe-Medikamente bei Migräne – ein Überblick: Die Behandlung von Migräne kann akut oder vorbeugend erfolgen. Wir beleuchten die wichtigsten Prophylaxe-Medikamente gegen Migräne und berichten über Vorteile, Nachteile und eigene Erfahrungen.
Prophylaxe-Medikamente bei Migräne – ein Überblick: Die Behandlung von Migräne kann akut oder vorbeugend erfolgen. Wir beleuchten die wichtigsten Prophylaxe-Medikamente gegen Migräne und berichten über Vorteile, Nachteile und eigene Erfahrungen.

Als digitale Nomaden reist ihr ja nicht nur, sondern arbeitet auch. Wie finanziert ihr euch dieses außergewöhnliche Leben?

Ja, das werden wir häufig gefragt. Dabei ist es nicht so großartig anders als sonst auch: die meisten digitalen Nomaden arbeiten ganz normal - aber eben einfach von unterwegs. Quasi in einem mobilen Home-Office. Shigeki und ich finanzieren uns unsere Reisen durch Erspartes, sparsames Leben und unterschiedliche Formen von Arbeit (on- und offline).

Wir haben beide vorher Vollzeit gearbeitet und Geld beiseite gelegt. Und es ist tatsächlich so, dass wir sehr viel Geld sparen dadurch dass wir keine Miete zahlen. Die Almhütte im Sommer kostet uns nix und auch der Bus ist mit knapp 40 Euro Unterhalt im Monat (natürlich kommen Sprit und eventuelle Reparaturkosten noch obendrauf) im Vergleich zu einer Miete in Hamburg oder Tokio ein absoluter Witz. Meistens stehen wir frei in der Natur, aber auch Campingplätze gibt es zu unterschiedlichsten Preisen - da suchen wir uns immer die günstigsten, aber in dem Preissegment die schönsten, heraus.

Die meisten digitalen Nomaden arbeiten ganz normal - aber eben einfach von unterwegs. Quasi in einem mobilen Home-Office.

Letztes Jahr haben wir auch ein paar Mal Tier- und/oder House-Sitting gemacht. Das heißt man wohnt bei jemanden in der Wohnung oder im Haus, während der- oder diejenige im Urlaub oder im Auslandseinsatz ist, passt auf die Haustiere, die Pflanzen und die Unterkunft auf und zahlt im Gegenzug dafür keine Miete. Work & Travel-Angebote haben wir auch immer wieder angenommen, d.h. man arbeitet gegen Kost und Logis. Das ist perfekt für uns wenn das Reisen im Bus im Winter nicht mehr ganz so angenehm ist und auch wenn wir mal dringend eine Reisepause oder etwas mehr Raum brauchen. Letzten Winter haben wir z.B. bei der Olivenernte in Griechenland geholfen und nebenbei die alte Ölmühle, ein traumhaftes Ferienhaus auf den Peloponnes, renoviert und den Garten in Ordnung gebracht.

Wenn man nur für sein Essen und die Reisekosten aufkommen muss und darüber hinaus sparsam lebt, kann man locker mit unter 500 Euro im Monat auskommen. Aber klar, sparsam leben heißt eben auch Abstriche machen. Wir gehen z.B. nicht ständig essen und kaufen uns keine unnötigen Sachen.

Und natürlich arbeiten wir auch. Das Schafe hüten im Sommer ist ein bezahlter Job und auf der Alm hat man einfach keine Ausgaben. Wir gehen dort alle zwei Wochen für circa 80 Euro einkaufen, d.h. unsere Ausgaben belaufen sich auf circa 120 Euro pro Person und Monat (inkl. 20 Euro Unterhalt für den Bus und die Kosten einer SIM-Karte pro Person). Somit eine Zeit, in der wir ordentlich sparen.

Und wir beide arbeiten online. Dank der Globalisierung und Digitalisierung gibt es heutzutage immer mehr Jobs, die man von zuhause oder eben auch von unterwegs machen kann. Man nennt diese Bewegung auch digitales Nomadentum, weil man durch die Weltgeschichte reist und dabei von überall aus digital arbeiten kann.




Durch Corona scheint vielen Unternehmen und Angestellten bewusst geworden zu sein, dass Home-Office und mobiles Arbeiten durchaus gute Optionen für den Arbeitnehmer sind und viele Vorteile haben. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Form des Arbeitens in Zukunft zunimmt.

Ich habe das große Glück, dass ich einen Job gefunden habe, bei dem ich arbeiten kann, wenn es mir gut geht. Täglich von 8-18 h performen geht mit chronischer Migräne einfach nicht bzw. nicht ohne ständiges Tabletten-Nehmen.

Und das hat meines Erachtens meine Anfallshäufigkeit stark erhöht als ich noch angestellt war. Mittlerweile ist dies ja auch wissenschaftlich bewiesen. Daher kann ich nur jedem, der mehr als 15 Schmerztage im Monat hat, empfehlen sich über natürliche Migräne-Prophylaxe und vorbeugende Medikamente zu informieren. Um eine Übersicht über die Anzahl der Schmerztage zu bekommen können digitale Kopfschmerzkalender und -tagebücher wie die Migräne-App M-sense helfen.

Was empfindest du als chronische Migräne-Betroffene am Schwierigsten an eurem Leben als digitale Nomaden?

Tatsächlich hat das gar nichts mit der Migräne zu tun. Meine größte Herausforderung ist das Internet. Während man zuhause oder in der Zivilisation immer online sein kann, ist das unterwegs nicht immer möglich. Auf unserer Alm in Österreich gab es anfänglich gar keinen und mittlerweile nur sporadisch Empfang - das heißt, da muss ich zum Arbeiten runter ins Tal fahren. Deswegen habe ich auch den Artikel zu Digital Detox und dessen Auswirkung auf meine Migräne geschrieben. Und W-LAN kann auch beim Reisen im Bus immer wieder eine Herausforderung sein, ist aber machbar! Mittlerweile gibt es ja sogar mobile W-LAN-Router. Nur nützen die einem eben auch nicht, wenn man in Gegenden unterwegs ist, wo einfach kein Signal ist.

Bezüglich der Migräne vermisse ich wie oben bereits erwähnt mein Kühlpad und den uneingeschränkten Zugang zu meinen Ärzten. Ich kann natürlich immer nur zu den Ärzten meiner Wahl gehen, wenn ich in Hamburg bin. Und da ich das immer noch regelmäßig bin, geht das auch. Es gab nur auch Momente, wo ich extra nach Hamburg gefahren bin, um einen Arzttermin wahrzunehmen, weil es mir wichtig war, mit jemandem zu sprechen, der mich und meine Krankengeschichte schon kennt.

Was würdest Du anderen Migräne-Betroffenen für einen Urlaub oder eine längere Reise empfehlen?

Man kann natürlich nie wissen, wie sich ein Urlaub oder Langzeit-Reisen auf jemand anderen mit Migräne auswirkt. Ich kann nur sagen: mir tut es gut! Aber wenn man es noch nicht ausprobiert hat und generell Interesse an Reisen hat, empfehle ich auf jeden Fall die Angst mal Angst sein zu lassen und es einfach mal auszuprobieren.

Ob mein Lebensstil oder längere Reisen überhaupt was für jemanden sind und ob man zusätzlich mit der Challenge Migräne umgehen mag, ist natürlich stark Persönlichkeits-abhängig. Reisen ist eben nicht nur Urlaub, sondern erfordert viel Planung und Entscheidungsfreude. Freiheit kann manchmal auch sehr anstrengend sein.

Ganz allgemein kann ich nur empfehlen gut ausgerüstet zu sein. Egal, ob für Urlaub oder längere Reisen. Sprich: ausreichend Medikamente (d.h. sogar vielleicht mehr als nötig, denn vielleicht erhöht sich ja die Anfallshäufigkeit) und natürlich deine persönliche Migräne-Ausrüstung wie z.B. Sonnenbrille, Sonnenschirm, Schlafbrille, Kühlpad, Wasser etc...

Darüber hinaus hab ich immer (ob im In- oder Ausland) meine ärztlichen Diagnosen und Behandlungsempfehlungen auf Englisch dabei. Dort ist vermerkt, was ich im Falle eines nicht zu kontrollierenden akuten Migräne-Anfalls oder im Falle eines nicht enden wollenden Migräne-Anfalls (Status migraenosus) verabreicht bekommen soll.

Darüber hinaus empfehle ich natürlich krankenversichert zu sein und immer als Allererstes vor Ort entsprechende Notfall-Telefonnummern und Adressen von Ärzten und Kliniken rauszusuchen und im Handy abzuspeichern. Damit man auch für den Notfall im Ausland gut gewappnet ist.


Miriam's Arbeitsplatz in Italien
Miriam's Arbeitsplatz in Italien

Fazit

Urlaub machen, Reisen oder als digitale Nomaden oder mit Work & Travel um die Welt reisen, geht je nach Schweregrad der Erkrankung offensichtlich auch mit Migräne. Als unsere Autorin Miriam noch mit 20 bis 25 Schmerztagen und einer sehr hohen Schmerzintensität mehr im Bett lag als ausserhalb unterwegs war und zur Schmerzbekämpfung häufig einen Notarzt benötigte, hätte sie definitiv nicht auf Reisen sein wollen.

Als sie aber nicht mehr abhängig von Schmerzinfusionen, - spritzen und Cortisongaben war, hat ihr das Reisen, die Nähe zur Natur und die Freiheit zu arbeiten, wann und wo sie will, sehr gut getan.

Miriam's Lebenswandel hat dazu geführt, dass ihre Migräne immer seltener und die Schmerzintensität der Anfälle immer schwächer wurde und ich sie sich so langsam aber sicher in einer Aufwärtsspirale befindet. Der neue Lebensstil ging für Miriam auch mit weniger Stress und mehr Zeit einher.

"Wer weniger Geld fürs Leben benötigt, hat auch mehr Zeit für Heilung. Und die brauchte ich, um zu lernen auf meine Bedürfnisse und Grenzen zu hören. Die Migräne ist mir ein harter Lehrmeister. Sie lehrt mich, genauer auf meinen Körper zu hören, mich gesunder zu ernähren, mehr Sport und Entspannung in meinem Alltag zu integrieren und wirklich nur noch das zu tun, was ich wirklich will."
- Miriam über ihren Lebenswandel

Durch die Corona-Pandemie haben viele Unternehmen gemerkt, dass das Home-Office (oder auch das Mobile Office) durchaus eine neue Variante der flexiblen Arbeitszeitgestaltung ist. Möglichkeiten, Zuhause zu arbeiten und sich die Arbeitszeit flexibel einzuteilen, könnten in Zukunft zunehmen. Mittlerweile gibt es sogar schon einige Jobportale, die sich auf sogenannte Remote Jobs / Online-Jobs spezialisiert haben.

Könntest du dir vorstellen, dauerhaft im Home-Office zu arbeiten oder wie Miriam als digitaler Nomade zu leben? Denkst du, es würde sich positiv auf deine Migräne auswirken?

Miriam Jansen
Miriam Jansen

Miriam bloggt für M-sense. Sie musste wegen chronischer Migräne ihren Beruf als interkulturelle Beraterin & Trainerin aufgeben - und wurde in dieser Zeit zur Migräne-Expertin. Nun macht sie einen beruflichen Wiedereinstieg und gibt ihr Wissen im M-sense-Blog weiter.

Ähnliche Artikel