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5 Fragen zu deiner Migräne: Miriam

Ihre Migräne hat Miriams Leben umgekrempelt.

Johannes Windolph
Johannes Windolph

Johannes ist Fotograf, visueller Denker und Teil des Marketing-Teams bei M-sense. Selbst von Migräne betroffen, sucht er abseits gängiger Klischees nach neuen Perspektiven und spannende Geschichten rund um den Kopfschmerz.

Wer unter Migräne oder Spannungskopfschmerzen leidet, wird oft selbst zum Experten. Hier erzählt uns Miriam ihre Geschichte, und was sie gegen ihre Migräne tut.

Wenn du auch mal Fragen zu deinen Kopfschmerzen beantworten willst, schreibe einen Kommentar oder schicke uns eine E-Mail an kontakt@m-sense.de.



Name: Miriam
Tätigkeit: Erwerbsunfähig (vorher Krankenschwester und Ethnologin)
Kopfschmerzart: Chronische Migräne mit Aura (Flimmerskotom), früher auch Schmerzmittelinduzierter Dauerkopfschmerz und Status Migränoso (nicht enden wollende Migräne-Attacke)
Häufigkeit der Attacken: 15-25 Schmerztage pro Monat



Wann hattest du deine erste Migräne und wie hat sich das angefühlt?

Meine erste Migräne-Attacke hatte ich mit 14 Jahren, genau an dem Tag, an dem ich das erste Mal meine Menstruation bekommen habe. Ich hab mich völlig daneben, benebelt und einfach schrecklich gefühlt. Schlimmer für mich war jedoch, dass ich damals natürlich nicht wusste, dass das Migräne war – ich dachte einfach, Menstruation ist so. Erst als ich regelmäßig ein- bis zweimal im Monat diese irrsinnigen Kopfschmerzen und ihre Begleitsymptome hatte (z. B. totale Benommenheit und Wortfindungsstörungen) – und sie zudem bei rechtzeitiger Einnahme von hochdosierten Ibuprofen weggingen – verstand ich, dass es Migräne war.

»Ich vermutete tatsächlich einen überdimensionalen, dreitägigen Kater mit starken Kopfschmerzen und Übelkeit zu haben.«

Bis zu meinem 35. Lebensjahr kam ich ganz gut mit der Migräne zurecht. Ich habe zwar häufig Schmerzmedikamente genommen, aber hauptsächlich die „normalen“ wie Ibuprofen, Aspirin oder Paracetamol. Und die haben auch gewirkt.

Dann kam der Alkohol als Auslöser hinzu. Da Alkohol vorher kein Trigger für mich war, dachte ich lange Zeit nicht an Migräne. Ich vermutete tatsächlich einen überdimensionalen, dreitägigen Kater mit starken Kopfschmerzen und Übelkeit zu haben. Ich bin von Arzt zu Arzt, hab mich auf Histamin-Intoleranz testen lassen und glaubte, ich hätte eine Alkohol-Allergie. Da ich aber nur manchmal Attacken bekam und bis dahin auch keine dreitägige Migräne mit so massiver Übelkeit und Übergeben kannte, bei der auch Schmerzmittel nicht mehr wirkten, bin ich selber nicht darauf gekommen. Erst als irgendwann ein Allergologe zu mir sagte, es könnte ja auch Migräne sein, fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

»Die Auslöser und Schmerztage nahmen zu und ich lies mich erstmals für eine ganze Woche von meinem Hausarzt krankschreiben, damit ich nicht mehr ständig Triptane schlucken musste.«

Langsam wurden die Attacken immer schlimmer, so dass ich meine Tätigkeit als interkulturelle Trainerin und Beraterin für eine internationale Austauschorganisation nicht mehr richtig ausführen konnte. Ich fiel immer häufiger aus und musste ganze Trainings absagen. Die Auslöser und Schmerztage nahmen zu und ich ließ mich erstmals für eine ganze Woche von meinem Hausarzt krankschreiben, damit ich nicht mehr ständig Triptane schlucken musste – denn ich war schon lange über der empfohlenen Menge. Aus dieser Woche wurden dann zwei, dann drei, dann Monate und Jahre. Mittlerweile bin ich erwerbsunfähig und beziehe Frührente.

Das Ausmaß der Krankheit – und besonders ihre Langwierigkeit – zu akzeptieren hat mich viel Kraft gekostet. Ich wollte unbedingt wieder einsatzfähig sein, und das so schnell wie möglich. Deshalb habe ich meine Arbeit verlagert: Wenn ich mal keine Schmerzen hatte, habe ich alles Mögliche zu Migräne gelesen, quasi Migräne studiert, bin von Arzt zu Arzt gerannt und habe unzählige schul- und alternativmedizinische Behandlungsmethoden ausprobiert.

»Mittlerweile musste ich feststellen, dass es besser für mich ist, die Krankheit zu akzeptieren und anzunehmen anstatt gegen sie anzukämpfen.«

Das heißt nicht, dass ich nichts mehr gegen sie mache oder nichts Neues mehr ausprobiere, aber ich setze mich nicht mehr so unter Druck dabei und habe auch gelernt, das Positive an der Migräne zu sehen.

Seit ca. Mitte 2017 hat die Schmerzintensität meiner Migräne nachgelassen. Es fühlt sich an, als würde jemand so ganz langsam den Schmerzpegel nach unten drehen. Ich muss nicht mehr bei jeder Attacke im Bett liegen und leiden, oder den Notarzt rufen und mir was spritzen lassen.

Ich kann manchmal trotz (leichter) Migräne sogar einen fast normalen Tag verleben.

Ich lege mich vielleicht mal kurz hin, meditiere oder nehme auch mal zwei Aspirin – aber selbst das ist wirklich selten geworden. Schmerzmittel nehme ich aktuell nur noch etwa zweimal im Monat. Auch war ich lange Zeit nicht mehr im Krankenhaus mit einem Status migränoso, der immer mit hochdosierten Cortison-Infusionen zum Stillstand gebracht werden musste. Ich bin so glücklich über diese Entwicklung!



Viele Menschen schleppen sich morgens mit Migräne oder Kopfschmerzen zur Arbeit – aus Angst vor Vorurteilen und Stigmatisierung durch Arbeitskollegen und Vorgesetzte.




Was hast du gegen die Krankheit unternommen und was hat dir geholfen?

Ich hab so viel gemacht und aus Verzweiflung auch alles gleichzeitig, dass ich leider nicht genau sagen kann, was jetzt im Endeffekt zu einer Verbesserung beigetragen hat. Vielleicht eine Kombination aus allem.

Schulmedizin

Im akuten Anfall habe ich meistens Tabletten (zuerst was gegen die Übelkeit und dann ein Schmerzmittel) genommen. Letzteres gerne auch in Kombination mit Vitamin C und/oder Koffein. Unter den Schmerzmitteln war wirklich alles dabei bis hin zu Triptanen. Wenn nix mehr half und die Schmerzen nicht aufhörten, wurden mir auch Schmerzmittel oder Cortison vom Notarzt intravenös verabreicht. Das hat alles meistens geholfen. Leider habe ich auch eine Aneurysma-Diagnose und darf deswegen kaum noch Schmerzmittel nehmen – und die, die ich nehmen darf, wirken nicht – außer hochdosiert Aspirin.

Später habe ich mich viel mit dem Thema „Schmerz sofort bekämpfen vs. Schmerz aushalten“ beschäftigt. Ärzte sagen ja immer, man solle sofort ein Schmerzmedikament nehmen, damit sich der Schmerz nicht ins sogenannte Schmerzgedächtnis einbrennt. Ich habe jedoch mit einer guten medikamentösen Prophylaxe (in meinem Fall Betablocker), Schmerzmittelreduktion und auch mal „Schmerz aushalten“ in Kombination mit einer ordentlichen Entgiftung bessere Erfahrungen gemacht. Ab einem gewissen Zeitpunkt war ich mir sogar sicher, dass die Einnahme von Triptanen meine Migräneattacken intensiviert hat. Heute muss ich glücklicherweise gar keine Triptane mehr nehmen, habe sie aber für den Notfall immer noch dabei.

»Wenn Ihnen die Gewichtszunahme und der Libidoverlust wirklich Sorgen bereiten, dann kann Ihre Migräne ja nicht so schlimm sein.« – Zitat: Ein Neurologe zu den Nebenwirkungen der Betablocker.

Als medikamentöse Prophylaxe habe ich Antidepressiva, Betablocker und Antiepileptika ausprobiert. Die Nebenwirkungen überwogen und so hab ich alles bis auf den Betablocker nach relativ kurzer Zeit wieder abgesetzt. Mit dem konnte ich trotz Nebenwirkungen wie Schwindel, niedrigem Puls, Tinnitus, Libidoverlust und Gewichtszunahme leben. Ich habe mittlerweile von 75 mg Metoprolol auf 25 mg reduzieren können. Darauf bin ich stolz, denn die Reduzierung verlief in extrem kleinen schmerzhaften Schritten von 1/8el Tabletten ab und ging immer mit einer Verschlechterung meiner Migräne einher, die sich später jedoch wieder einpendelte. Es war eine schmerzhafte Reduzierung, aber für mich lohnenswert, da meine Lebensqualität wegen nachlassender Nebenwirkungen immer mehr zunahm. Mein Ziel ist es jedoch, die Betablocker ganz abzusetzen. Aktuell habe ich jedoch nicht das Gefühl, dass ich weiter reduzieren sollte, da die Schmerzintensität zumindest bei den hormonell getriggerten Migränen (wenn ich meine Menstruation bekomme und wenn ich meinen Eisprung habe) wieder zugenommen hat.

Äußerst hilfreich war für mich auch das Herausfiltern und Vermeiden von Auslösern. Früher hab ich täglich ein Migränetagebuch geführt und später auch die M-sense App verwendet. Dabei habe ich diverse Auslöser identifizieren können, wie z.B. Wetterwechsel (besonders wenn es plötzlich warm wird), flackerndes Licht, Sonne, Glutamat, Hormonschwankungen, Alkohol und natürlich auch Stress.

Einem Wetterwechsel kann man schlecht aus dem Weg gehen, aber ich vermeide z.B. ausgiebiges Sonnenbaden, trage häufiger eine Sonnenbrille, trinke seit Jahren kaum Alkohol mehr (in Ausnahmesituationen mal Cuba Libre – das einzige, was nicht direkt eine Migräne auslöst), habe aufgehört zu rauchen, vermeide Stress und Geschmacksverstärker, Lärm, bestimmte Gerüche und habe mein Stadtleben gegen ein ruhiges Landleben eingetauscht.


Psychotherapie

Aufgrund schwieriger Kindheitserfahrungen hab ich auch schon vor der Verschlimmerung der Migräne Psychotherapie-Stunden genommen und würde sagen, dass die damit einhergehende Persönlichkeits-Entwicklung und Verarbeitung früherer Traumata einen wesentlichen Bestandteil in meinem Heilungsprozess einnimmt. Wichtigste Bestandteile in kurz:

  • Umgang mit aufgestauter Wut (sehr passender Spruch: „Mir platzt gleich der Schädel!“)
  • eigene Bedürfnisse erkennen und befriedigen (sich immer wieder fragen: „Was brauch ich jetzt?“ „Was tut mir jetzt gut?“)
  • lernen, „Nein“ zu sagen
  • eine gute Balance zwischen An- und Entspannung zu finden
  • Akzeptanz der Krankheit, die Krankheit als Hilfsmittel oder Freund sehen, Positives erarbeiten
  • Selbstliebe, Verständnis für sich haben


Alternative Therapiemethoden

Auch im Bereich alternative Heilmethoden, habe ich extrem viel ausprobiert. Geblieben sind Entspannungstechniken wie Meditation, Muskelrelaxation nach Jacobson, Autogenes Training (bei mir ist es die Meditation), viel Bewegung (lange Spaziergänge, Schwimmen und Wandern), die Osteopathie, Entgiftung mittels Chlorella- und Spirulina-Algen sowie die sogenannten Nahrungsergänzungsmittel Q10, Vitamin B2 und Magnesium. Wenn ich mal keinen Anfall habe (was immer noch relativ selten ist), versuche ich sofort etwas intensiveren Sport zu machen oder in die Sauna zu gehen. Auch Gefäßtraining mittels Heiß-Kalt-Duschen wende ich dann immer sofort an.

Darüber hinaus habe ich aber auch Akupunktur, Homöopathie, unterschiedliche pflanzliche Medikamente wie z.B. Pestwurz und Mutterkraut, diverse Migräne-Diäten, Schamanismus, Bio-Feedback, Traditionelle Chinesische Medizin sowie Physiotherapie ausprobiert.

Was genau und ob davon etwas zur Besserung meiner Schmerzintensität beigetragen hat, kann ich nur vermuten. Aber wenn ich in mich hineinfühle, waren gerade Bewegung, Entspannung, Osteopathie und die schamanische Behandlung zielführend. Auch die Entgiftung sowie die regelmäßige Einnahme von Q10, Vitamin B2 und Magnesium fühlen sich für mich richtig an und werden fortgeführt.



Migräne bedeutet Verzicht? Falsch! Die neue Devise lautet Bewältigung:
Lerne jetzt deine Trigger zu managen anstatt sie zu vermeiden.



Hat dich deine Migräne auch persönlich verändert?

Auf jeden Fall. Ein wesentlicher Schritt in meinem Heilungsprozess war z.B. auch die Anschaffung eines Hundes. Ich musste dadurch lernen, Nachbarinnen oder Freunde auch mal um Hilfe zu bitten, wenn es gar nicht ging. Und ich musste mich einfach auch mal zusammenreißen und mir auch im Migräneanfall den Hund schnappen und rausgehen. Dabei habe ich wider Erwarten gemerkt, dass auch im akuten Anfall Bewegung und frische Luft ein wenig helfen können (erst nachdem ich prophylaktisch gut eingestellt war). Und darüber hinaus hat dieser Hund so dermaßen mein Herz geöffnet – da ist soviel Liebe durch mich durchgeströmt, wenn dieser Hund mit mir gekuschelt hat, das hatte ich vorher so noch nicht erlebt. Und ich glaube gerade dieses „Herz öffnen“ hat ganz viel bewirkt. Zum Beispiel hat es auch mein Herz für meinen heutigen Freund geöffnet und mich gelehrt mich selber mehr zu lieben.

Im Training mit dem Hund habe ich mich schnell an die TSD-Methode gehalten (Trainieren statt dominieren), welche positive Verstärkung als Methode nutzt. Also anstatt immer „Nein! Aus! Böse!“ lieber „Super, gut gemacht“ etc. in Situationen verwenden, in denen alles richtig gemacht wird. Das kann man auch wunderbar auf sich selber und in der Partnerschaft anwenden und verbreitet definitiv bessere Stimmung als andauernde (Selbst-)Kritik.

Miriams Hündin Conny
Miriam hat ihre Hündin Conny nach der TSD-Methode trainiert: Trainieren statt dominieren

Für mich war es hilfreich Behandlungsmethoden jenseits der Schulmedizin auszuprobieren, die Migräne ganzheitlich zu betrachten und zu lernen sie zu akzeptieren.

»Es hat lange gedauert, aber mittlerweile kann ich sagen, dass ich unendlich dankbar bin, dass meine Migräne mich so aus dem Verkehr gezogen hat.«

Eine sehr gute Heilerin sagte mir mal, dass Migräne so wie Krebs zu den sogenannten „Life changing diseases“ gehört. „Erst wenn Du Dein Leben komplett verändert hast, wird sie dich in Ruhe lassen.“ Ich glaube, da könnte was Wahres dran sein.


Kannst du deiner Migräne auch etwas Positives abgewinnen?

Es hat lange gedauert, aber mittlerweile kann ich sagen, dass ich unendlich dankbar bin, dass meine Migräne mich so aus dem Verkehr gezogen hat. Obwohl es die absolute Hölle war und ich bei einigen Attacken gedanklich schon vor dem Sprung aus dem Fenster stand. Ohne die Migräne hätte ich mein Leben nicht so radikal verändert: Ich bin aufgrund der Zeit, die ich in den vergangenen Jahren der Berufsunfähigkeit neben den Anfällen hatte, viel ruhiger und entspannter geworden, habe herausgefunden, was ich wirklich will und erfülle mir Träume: Ich habe mir einen Bus gekauft, einen Hund angeschafft, lebe in einer Beziehung, habe meine Vergangenheit weitestgehend bewältigt und lebe in der Natur.

Ich bin so dankbar über diesen Entwicklungsschub und werde auch beim Wiedereinstieg ins Berufsleben so Einiges anders machen.

Der Berufseinstieg steht nämlich jetzt an und ich merke, wie ich sehr genau beobachte und aufpasse und wirklich versuche nur das zu machen, was ich wirklich will und was mir wirklich Freude bereitet.

Die Migräne hat mich auch gelehrt „Nein“ zu sagen und ganz genau auf meinen Körper zu hören. Sie war und ist mir ein guter, wenn auch harter Lehrmeister in vielen Dingen.